Studie: Ohne Ausländer kein Aufschwung Ost

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Produktivität im Osten Deutschlands immer noch deutlich geringer als im Westen - aber warum? Eine Studie gibt Empfehlungen, die bei manchem Politiker die Alarmglocken läuten lassen.

Ohne ausländische Fachkräfte wird die ostdeutsche Wirtschaft einer Studie zufolge nicht zum Westen aufholen können. "Der Osten muss attraktiver für ausländische Arbeitskräfte werden", sagte der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp.

"Die aktuellen politischen Entwicklungen helfen da nicht weiter", kritisierte er mit Blick auf ausländerfeindliche Tendenzen etwa in Wahlparolen der AfD. Bislang seien die westdeutschen Bundesländer wesentlich erfolgreicher darin, qualifizierte Arbeitnehmer aus der EU anzuziehen, sagte Gropp bei der Vorstellung der Studie "Vereintes Land - drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall" in Berlin.

Einkommen 20 Prozent niedriger

Auch 30 Jahre nach Ende der deutschen Teilung erreicht demnach kein östliches Bundesland die Produktivität des schwächsten westdeutschen Landes, des Saarlands. Unternehmen im Osten seien im Durchschnitt 20 Prozent weniger produktiv als eine vergleichbare West-Firma, sagte Gropp, sie produzierten also bei gleicher Mitarbeiterzahl ein Fünftel weniger Produkte. Und das mittlere Einkommen liegt im Osten nur bei 81 Prozent des Bundesdurchschnitts.

Der Aufschwung Ost hat viele blinde Flecken ...

Nicht fehlendes Sachkapital, sondern Fachkräftemangel macht das IWH als eine der zentralen Ursachen hierfür aus. Zwar hatte der Osten bis Anfang der 2000er Jahre einen größeren Anteil hochqualifizierter Beschäftigter als der Westen. Mittlerweile ging dieser Vorsprung aber fast überall verloren.

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung

Hinzu kommt der demographische Wandel - der sich in den östlichen Bundesländern ungünstiger auswirkt. So sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter deutlich schneller als im Westen: Bis 2030 fielen im Osten 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung weg, sagte Gropp. Dies könne nur durch zuwandernde Fachkräfte ausgeglichen werden.

Weil Migranten Orte bevorzugten, in denen es schon Netzwerke von Angehörigen ihrer Herkunftsländer gebe, würden die ostdeutschen Länder jedoch eher gemieden. Nicht einmal einer von zehn Einwohnern hat dort einen Migrationshintergrund. Allein die Hauptstadt Berlin zieht überdurchschnittlich viele hochqualifizierte Zuwanderer an, die eine sogenannte blaue Karte der EU haben, also einen Aufenthaltstitel mit Arbeitserlaubnis.

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Ein weiterer Effekt wirkt sich ungünstig aus: Die Schulabbrecherquote ist laut der Studie in den sechs östlichen Ländern wesentlich höher als im Westen. Im brandenburgischen Landkreis Prignitz brachen demnach 2016 14,2 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss ab. Der bundesweite Durchschnitt lag in dem Jahr bei 5,7 Prozent.

42 Milliarden Euro seit 1991

Die Empfehlungen des IWH sind durchaus brisant, vor allem mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im Herbst. "Wir sollten aufhören, dort auf Teufel komm raus Arbeitsplätze zu erhalten", sagt Institutschef Gropp. Bei der Verteilung der Fördergelder - 42 Milliarden Euro seit 1991 - spiele die Zusicherung, keine Stellen zu streichen, viel zu oft eine Rolle.

Das IWH verlangt eine Kehrtwende: Fördergeld für besonders produktive Unternehmen - vor allem solche in Städten -, und digitale Infrastruktur für junge Dienstleister in Ballungsräumen statt lebenserhaltender Maßnahmen für alte Industrie auf dem Land. Mit dieser Devise eckt das Institut aus dem Osten freilich an.

... und in Leipzig, wo Porsche laut Medienberichten auch das E-Macan-Modell bauen will

So widersprach der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Christian Hirte. Er halte "die Idee, wirtschaftlich schwache Gebiete im Osten aufzugeben, für ökonomisch falsch und politisch völlig inakzeptabel", sagte der CDU-Politiker dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Einen kleinen Seitenhieb konnte Hirte sich nicht verkneifen: Anders als Wirtschaftsinstitute müssten Politiker auch "gesamtgesellschaftliche Parameter im Blick behalten".

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jj/rb (dpa, afp, epd)

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