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Tour de France verliert an Diversität

Tom Mustroph
17. Juli 2022

In diesem Jahr ist kein schwarzer Radprofi aus Afrika bei der Tour de France dabei. Ex-Profi Adrien Niyonshuti aus Ruanda machte daher mit einer ungewöhnlichen Aktion Werbung für den Radsport in den Ländern Afrikas.

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Der frühere Radprofi Adrien Niyonshuti aus Ruanda auf dem Rennrad - bei der Tour of Utah 2015
Adrien Niyonshuti aus Ruanda - hier bei der Tour of Utah 2015 - verdiente einst sein Geld als RadprofiBild: Roth/Augenklick/picture alliance

Die Radsport-Enthusiasten staunten nicht schlecht. Unter die viele Hobbyfahrer aus Europa, die in dieser Woche auf ihren teuren Markenrädern aus Karbon den legendären Tour-de-France-Anstieg nach Alpe d'Huez in Angriff nahmen, mischte sich mit Adrien Niyonshuti ein Athlet auf einem gelben Jugendrad mit nur einem Gang. Niyonshuti bekam Beifall für seine Aktion. Der frühere Straßenradprofi und Olympiateilnehmer kam auch oben an, nach einer Stunde und 28 Minuten Fahrzeit. Die besten Profis der Tour brauchten am selben Tag 39 Minuten und 12 Sekunden.

Aber Niyonshuti war ja auch auf einem mehr als doppelt so schweren Rad unterwegs. "Es ist schwer wie ein E-Bike, nur eben ein E-Bike ohne Motor", sagte der 35-Jährige der DW und lachte. Das Erlebnis genoss er in vollen Zügen: "Als Profi habe ich es leider nie zur Tour geschafft. Aber es ist toll hier" schwärmte Niyonshuti. 

Radsportakademie in Ruanda

Ex-Radprofi Adrien Niyonshuti aus Ruanda mit einem Ein-Gang-Rad auf dem Weg hinauf zum Tour-de-France-Zielort Alpe d'Huez
Adrien Niyonshuti mit einem Ein-Gang-Rad auf dem Weg hinauf nachAlpe d'HuezBild: Tom Mustroph/DW

In seiner Heimat Ruanda ist Niyonshuti ein Volksheld. 2012 trug er bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London die Fahne des Landes ins Stadion. Er war der erste schwarze Teilnehmer eines olympischen Mountainbike-Rennens. Nach seiner Profikarriere bei den Teams MTN Qhubeka und Dimension Data gründete er in seiner Heimat eine Radsportschule. 16 Aktive gehören derzeit fest zur "Adrien Niyonshuti Cycling Academy", insgesamt trainieren dort aber etwa 40, viele von ihnen Kinder und Jugendliche.

"Es geht nicht nur darum, dass sie später vielleicht mal Profis werden, sondern auch um Bildung. Wir bezahlen Schulgeld für Kinder, deren Familien sich das nicht leisten können, kaufen Schulbücher, auch Spielzeug. Es verändert ihr Leben", sagt Niyonshuti. "Im Radsport kann man ja ganz unterschiedliche Sachen machen. Man kann ein guter Masseur werden, ein guter Fahrer, ein guter Mechaniker oder ein guter Trainer. Am Ende geht es darum, Afrikas Radsportkultur dabei zu helfen zu wachsen. In dieser Mission ist er nach eigenen Worten nicht nur in Ruanda tätig, sondern auch in Benin, Sierra Leone und Togo.

Den Ausschlag für sein soziales und sportliches Element gab ein ebenso einfaches Rad wie das, mit dem er jetzt die Serpentinen hinauf nach Alpe d'Huez bewältigte: ein Rad der Qhubeka-Stiftung.

Räder, die das Leben verändern können

"Als ich 2012 am Olympischen Mountainbike-Rennen teilnahm, fragte mein Teammanager von MTN Qhubeka, was sie für Ruanda tun könnten. Ich antwortete, ich bräuchte kein Geld, ich sei ja jetzt Profi", erinnert sich Nyonshuti. Er schlug stattdessen vor, Qhubeka könnte Kindern Räder zur Verfügung stellen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Qhubeka lieferte in mehreren Containern etwa 600 Räder. "Diese Räder haben so viel geholfen damals in Ruanda", sagt der Ex-Profi - auch in seiner eigenen Familie: Sein Sohn und sein Neffe erhielten Räder. "Mein Neffe wurde ein großer Radsportler. Zweimal fuhr er die Tour of Rwanda. Jetzt ist er 21 Jahre alt, in der vergangenen Woche gewann er ein Rennen in Frankreich."

Eric Muhoza heißt der Neffe, und Niyonshuti traut ihm zu, eines Tages Profi werden zu können. Er sei auch überzeugt, dass in der Zukunft ein Mitglied seiner Akademie an der Tour de France teilnehmen werde. Die Schwierigkeiten für Radsport-Talente aus Afrika seien jedoch groß, sagt Niyonshuti der DW: "Das größte Hindernis besteht darin, ein Visum zu bekommen, selbst wenn du einen Vertrag mit einem Team unterzeichnet hast." Während europäische Profis, die bei der Tour of Rwanda starten wollten, ihr Visum am Flughafen kaufen könnten, müssten Afrikaner, die in Europa fahren wollten, "vor der Botschaft Schlange stehen", so Niyonshuti: "Du wartest dann drei bis vier Wochen, und am Ende bekommst du doch kein Visum. Selbst dein Teamchef kann dieses Problem nicht lösen."

Entwicklung stagniert

In seiner Karriere, die er 2017 beendete, verpasste Niyonshuti wegen Visa-Problemen vier Rennen, als größtes die Tour of Britain. Er berichtet, dass auch sein damaliger Teamkollege Daniel Teklehaimanot solche Visa-Probleme hatte. Teklehaimanot ist der noch größere Star in Afrika. Der Radprofi aus Eritrea nahm 2015 erstmals an der Tour de France teil, eroberte dort sogar zwischenzeitlich das Bergtrikot. Doch auch er konnte an einigen Rennen in Europa nicht teilnehmen, weil die Aufenthaltsgenehmigung auslief oder er kein Visum erhielt.

Bei der Tour de France 2015 bejubeln Fans Daniel Teklehaimanot aus Eritrea, der das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers trägt
Daniel Teklehaimanot aus Eritrea eroberte 2015 das Bergtrikot der Tour de FranceBild: Christophe Ena/AP Photo/picture alliance

2015 nahm neben Teklehaimanot noch dessen Landsmann Merhawi Kudus an der Tour teil. 2016 starteten sogar drei schwarze Profis aus Afrika bei der Frankreich-Rundfahrt. Danach stagnierte die Entwicklung. 2017 und 2018 fuhr nur Tsgabu Grmay aus Äthiopien mit, 2019 dessen Landsmann Natnael Berhane. 2020 war gar kein schwarzer Profi aus Afrika dabei, 2021 nur der Südafrikaner Nic Dlamini, in diesem Jahr wieder keiner. Niyonshuti bedauert das, sieht die Schuld daran vor allem bei den Rennställen.

Erste Rad-WM in Afrika

Er erhofft sich vor allem von den Weltmeisterschaften 2025 neue Impulse für den afrikanischen Radsport. Die WM wurde an sein Heimatland Ruanda vergeben. Niyonshuti verspricht eine exzellente Organisation und einen schwierigen WM-Kurs. Viele Menschen hätten gegenüber Ruanda Bedenken wegen des Bürgerkriegs und Massenmords in den 1990er Jahren, sagt der frühere Radprofi, der damals selbst zahlreiche Angehörige verlor. Doch das sei Vergangenheit, meint Niyonshuti: "Ruanda ist ein gutes Land, ein sauberes Land. Kein Krieg, keine Kämpfe. Man ist dort sehr frei, kann tun, was man will, tagsüber und nachts überall herumlaufen. Es ist ein sicheres Land, so wie die besseren Länder in Europa."

2025 werden auch viele Teilnehmer der diesjährigen Tour de France Ruanda kennenlernen. Sportpolitisch ist die erste Rad-WM in Afrika ein Meilenstein. Man kann nur hoffen, dass es sich nicht als ein ebensolches Strohfeuer erweist wie die bisher wenigen Höhepunkte des afrikanischen Radsports bei der Tour de France.