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Politik

Tschad im "Macht- und Demokratievakuum"

Sandrine Blanchard
22. April 2021

Bürgerkriegsähnliche Zustände und ein Erstarken des Islamismus nach dem Tod des Präsidenten Idriss Déby befürchtet Helga Dickow. Vieles hänge von den nächsten Tagen ab, sagt die Tschad-Kennerin im Interview.

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Soldaten und Militärfahrzeuge von Staubwolken umgeben
Soldaten positionierten sich in der Hauptstadt N'Djamena, nachdem der Tod des Präsidenten verkündet wurdeBild: Str/AFP

Deutsche Welle: Seit dem Tod von Präsident Idriss Déby Itno hat die Armee die Macht im Tschad übernommen. Aber die Rebellen, vor allem die von der Front für Wandel und Eintracht in Tschad (FACT), drohen weiter mit dem Vormarsch auf die Hauptstadt N'Djamena. Die Opposition und viele in der Zivilgesellschaft lehnen den Militärrat ab, der von Idriss Débys Sohn Mahamat geleitet wird. Wie kann es weitergehen?

Helga Dickow: Es ist immer schwer, in die Zukunft zu schauen. FACT hat erklärt, die Trauerzeit zu respektieren und sie gibt den Kindern Débys Zeit, ihren Vater angemessen zu begraben. FACT ist sehr strategisch vorgegangen. Sie hat ihren Vormarsch am 11. April, also am Wahltag, gestartet und ist überraschend weit ins Landesinnere vorgedrungen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich jetzt zurückziehen wird. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die politische Opposition und die Zivilgesellschaft eine militärische Übergangsregierung völlig ablehnen, die dazu überhaupt nicht in Übereinstimmung mit der Verfassung steht.

Infografik Karte FACT Rebellen Tschad DE

Die Verfassung sieht vor, dass der Präsident der Nationalversammlung diesen Posten innehaben müsste. Also sind wir in einem völligen Macht- und Demokratievakuum. Von daher hätte ich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass FACT sich unter den Umständen zurückziehen würde. Deren Ziel war es, die Regierung Déby zu stürzen. Jetzt ist an der Spitze des Militärübergangsrats ein Sohn Débys, also hat sich das Ziel eigentlich nicht geändert.

Es ist also wahrscheinlich, dass schon am Freitagabend oder am Samstag die Rebellen der FACT vor den Toren N'Djamenas stehen werden. Was dann?

Ich befürchte, dass wir eine Situation wie schon während der Bürgerkriege haben werden, als diverse Schlachten um N'Djamena stattgefunden haben. Entweder schafft es die Zivilbevölkerung, rechtzeitig zu flüchten, oder sie wird bei Kämpfen zwischen verschiedenen militärischen Gruppierungen aufgerieben.

Straßenszene mit Autos, Motorrädern, Marktständen und Passanten
Werden die Menschen in N'Djamena die Leittragenden des Machtvakuums?Bild: Djimet Wiche/AFP

Die Bevölkerung kann nicht hinüber nach Kamerun, die Grenze ist gesperrt. 2006 und 2008 ist es dem Großteil der Zivilbevölkerung gelungen, sich über die Brücke ins benachbarte Kousseri zu retten [In Kamerun, die beiden Städte liegen sich auf beiden Seiten des Flusses Schari direkt gegenüber, Anm. d.Red.]. Das können sie jetzt nicht. Die Militärpräsenz in der Hauptstadt ist sehr groß. Ich befürchte ein bisschen, dass die Übergangsregierung die Zivilbevölkerung sozusagen als menschliches Schutzschild da behält, um sich selbst besser gegen die FACT-Rebellen zu schützen.

Viele Oppositionsparteien, die sich sonst ziemlich uneinig sind, scheinen jetzt mit der Zivilgesellschaft relativ einig darüber zu sein, dass ein Dialog über eine zivile Übergangszeit stattfinden sollte, der auch mit Rebellen geführt werden müsste. Ist es möglich, dass der Clan, der jetzt noch an der Macht ist, so etwas mitmacht?

Helga Dickow
Helga Dickow ist Expertin für den Tschad am Arnold-Bergstraesser-Institut in FreiburgBild: Harald Neumann

Ob der Zaghawa-Clan und dieser Militärrat sich darauf einlassen, bezweifle ich im Moment. Mehrheitlich sind Zaghawas an der Macht und die erklärten Ziele werden sein, die Macht zu erhalten und nach wie vor an den Reichtümern des Landes zu partizipieren. Sie geben sich im Moment als die demokratische Option aus, da sie in anderthalb Jahren eine politische Transition wollen. [Der Sohn des verstorbenen Präsidenten kündigte "freie und demokratische" Neuwahlen nach einer 18-monatigen Übergangszeit an, Anm. d. Red.] Aber verfassungsgemäß müssten innerhalb von drei Monaten Wahlen ausgeschrieben werden.

Warum ist es für andere afrikanische Länder und vor allem in der Sahelzone so wichtig, was jetzt im Tschad passiert? Könnte das auch eine Auswirkung auf den Kampf gegen Terrorismus haben?

Es wird auf viele Dinge Auswirkungen haben. Zum einen verliert Frankreich seinen im Moment militärisch am besten ausgerüsteten Partner im Kampf gegen den terroristischen Islamismus im Sahel...

... und sogar einen "Freund", laut dem Élysée-Palast.

Ja, ich habe bisher noch keine Kritik an der Regierungsführung Débys gehört, sondern das sind lauter Loyalitätsbekundungen, die gerade aus Frankreich kommen. Déby konnte sich dank seiner militärischen Stärke Frankreich gegenüber loyal erweisen. Wobei der Ausbau der militärischen Stärke auf die Niederschlagung der Opposition im Inneren gerichtet war. Das Ziel Débys war nicht ein starkes Militär zu errichten, um gegen Islamisten vorzugehen.

Aber er hat es geschafft, Boko Haram und andere islamistische Terroristen aus dem Tschad rauszuhalten. Sprich: Der Tschad kennt im Inneren des Landes bis auf wenige Ausnahmen keinen Islamismus wie Mali, Niger oder Burkina Faso. 2015 fanden Anschläge in N'Djamena statt, aber seitdem nur noch in der Grenzregion um den Tschad-See. Das könnte sich jetzt ändern und damit wäre der Tschad völlig destabilisiert. Aber es wird alles davon abhängen, wie stark sich jetzt eine Militärführung etablieren kann oder ob die nächste Woche wieder umgeworfen wird von einer anderen starken Militärfraktion.

Präsident Idriss Deby und Emmanuel Macron
Frankreich habe einen "couragierten Freund" verloren, sagte Präsident Macron zum Tod von Déby, hier beide 2019Bild: Ludovic Marin/AFP/Getty Images

Und was ist mit Deutschland? Das Auswärtige Amt hat die deutschen Staatsbürger dringend aufgerufen, das Land zu verlassen. Die Botschaft soll geschlossen werden. Aber sonst ist die Bundesregierung relativ zurückhaltend.

Die Bundesregierung war immer relativ zurückhaltend in Bezug auf den Tschad. Die USA und Großbritannien haben schon längst ihre Botschaften geschlossen und ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger zurückgeholt. Frankreich sammelt gerade an Evakuierungspunkten. Da verhält sich Deutschland jetzt nicht anders als die anderen Staaten. Aber der Tschad stand nie im Mittelpunkt deutscher Interessen. Die direkte Entwicklungszusammenarbeit wurde vor einigen Jahren wegen schlechter Regierungsführung im Tschad eingestellt. Die Bundesregierung und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit beschränken sich auf die EU und auf Nothilfe.

Helga Dickow ist Expertin für den Tschad am Arnold-Bergstraesser-Institut der Universität Freiburg in Deutschland. Das Institut widmet sich der kulturwissenschafltichen Forschung.

Das Interview führte Sandrine Blanchard.