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Türkei: Lieferant für Discounter Lidl in der Kritik

Pelin Ünker | Burak Ünveren
31. Januar 2024

Türkische Arbeiter der Firma Agrobay protestieren seit Monaten gegen unrechtmäßige Entlassungen und unmenschliche Arbeitsbedingungen. Die türkische Gewerkschaft Tarim-Sen macht den Discounter Lidl mitverantwortlich.

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Die ehemaligen Arbeiter der Firma Agrobay bei einer Demonstration
Die Arbeiter protestieren seit bald einem halben Jahr gegen schlechte ArbeitsbedingungenBild: Anka

Seit über fünf Monaten protestieren in Izmir in der westlichen Türkei Arbeiter, die für das Landwirtschaftsunternehmen Agrobay tätig waren. Viele beklagen sich darüber, dass sie unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten: Sie wurden gemobbt und ihnen wurde das Recht verweigert, auf die Toilette zu gehen, berichten sie. Und sie wurden ihrer Meinung nach unrechtmäßig entlassen, ohne jegliche Entschädigung bekommen zu haben. 

Die Firma hat einen direkten Bezug zu Deutschland: Sie ist einer der größten Lieferanten der deutschen Supermarktkette Lidl. Mit fast 12.000 Filialen in 30 Ländern und einem Umsatz von rund 115 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2022/2023) ist Lidl weltweit der größte Discounter-Konzern. Agrobay liefert die meisten der Tomaten, die es in deutschen Lidl-Supermärkten zu kaufen gibt. Die seit 2002 aktive Firma hat eine jährliche Anbaukapazität von 20.000 Tonnen und zählt damit zu einem der größten Hersteller im landwirtschaftlichen Bereich der Türkei.

Laut eigenen Angaben exportiert die Firma überwiegend Tomaten und kalifornische Paprika an Länder wie Großbritannien, Spanien, Schweden, die Niederlande und Russland - zusätzlich zu Deutschland. Die Arbeiter protestierten auch vor den Konsulaten von Deutschland, dem Vereinigtem Königreich und Russland. Die Polizei vor Ort reagierte harsch und unterband die Proteste. Agrobay verklagte auch die Arbeiter, die vor dem deutschen Konsulat protestierten. Grund: Sie hätten "die Handelsbeziehungen mit Deutschland beschädigt". Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei und das wichtigste Zielland für türkische Exporte.

"Wir durften nicht auf die Toilette"

Agrobay besitzt das Zertifikat von Eurepgap, ein weltweit anerkanntes Qualitätssicherungs- und Zertifizierungs­system für die Landwirtschaft. Die dort aufgeführten Standards scheinen allerdings nur auf dem Papier zu existieren. Die Firma sieht sich seit einigen Monaten in den türkischen Medien mit den Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter konfrontiert.

Ehemalige Mitarbeiterinnen der Firma bei einer Demonstration
Die Arbeiterinnen beklagen sich über die schlechten ArbeitsbedingungenBild: Anka

Zwischen dem 22. und dem 25. August 2023 wurden 39 Mitarbeiter entlassen, davon zwei Büroangestellte und 37 Arbeiter. 34 von ihnen sind Frauen. Kurz vor ihrer Entlassung organisierten sie sich in Tarim-Sen, einer landwirtschaftlichen Gewerkschaft. Im Gespräch mit der DW erzählt Ayten Yavuz, dass sie sich am 19. August bei der Gewerkschaft angemeldet hatte und drei Tage später ihren Job verlor. Dabei ist es in der Türkei gesetzlich verboten, wegen gewerkschaftlicher Aktivitäten entlassen zu werden.

"Ich arbeitete in der Abteilung Pflanzenpflege, genauso wie meine anderen Arbeitskollegen, die entlassen wurden. Die Arbeitsbedingungen waren sehr schlecht. Wir durften nicht mal aufs Klo gehen. Da der Abstand zwischen dem Gewächshaus und den Toiletten lang war, ärgerten sich die Chefs darüber, als wir aufs Klo wollten", erinnert sich Yavuz.

Sie wurden ständig von ihren Vorgesetzten beleidigt, so Yavuz: "Der Chefingenieur sagte uns die ganze Zeit: 'Sogar mein fünf Jahre alter Sohn ist intelligenter als ihr. Seid ihr alle dumm?' Solche Beleidigungen mussten wir ertragen."

"Frauen wurden als billige Arbeitskraft gesehen"

Einer Frau, die an dem Tag ihre Periode hatte, wurde sogar eine Pause verweigert, erzählt Yavuz. "Eines Tages erlaubte die Ingenieurin einer Arbeitskollegin nicht, eine Pause zu machen, obwohl sie erklärte, dass sie ihre Periode hatte."

Sie beklagt sich auch, dass die Mitarbeiterinnen für die Firma viele Aufgaben erfüllen mussten, die eigentlich für Männer vorgesehen seien: "Bis zum Abend schaufelten wir Sand, hoben 80 Meter lange Stahlstangen. Diese Männeraufgaben waren auch auf den Schultern von uns Frauen. Wir mussten das alles machen, weil die Firma die Frauen als billige Arbeitskraft sah. Diese Aufgaben kosten viel mehr, wenn Männer sie machen. Die Firma dachte aber: 'Uns stehen Frauen zur Verfügung, die für den Mindestlohn arbeiten. Sie können diese Arbeiten erledigen.'"

Schlechtes Arbeitszeugnis erschwert Jobsuche

Laut der Gewerkschaft wurden 34 Arbeiter laut Artikel 46 der Geschäftsordnung entlassen. Demnach darf der Arbeitgeber Arbeitsverträge derer kündigen, die sich in "unmoralischen Handlungen" verwickeln. Zu diesen Handlungen zählen, dass "der Arbeiter das Vertrauen des Arbeitgebers missbraucht" oder "mit seinem Verhalten die Geheimnisse des Arbeitgebers enthüllt". Auch Diebstahl zählt zu diesen Handlungen.

Wenn eine Person aufgrund dieses Artikels entlassen wird, bekommt er keine Entschädigung und darf kein Arbeitslosengeld beziehen. Und es wird für ihn schwerer, einen neuen Job zu finden - da ihm Unsittlichkeit vorgeworfen wird.

Umut Kocagöz, Präsident der Gewerkschaft Tarim-Sen, bestätigt im Gespräch mit der DW, dass die entlassenen Mitarbeiter Schwierigkeiten bei der Jobsuche haben. "Sie haben nichts Unmoralisches getan. Obwohl sie nichts gestohlen haben, werden sie offiziell des Diebstahls beschuldigt", so Kocagöz. Er wirft der Firma vor, die Arbeiter nicht versichert, Unfälle am Arbeitsplatz vertuscht und nichts gegen die vielen Berufskrankheiten unternommen zu haben.

Hätte, hätte, Lieferkette!

"Lidl ist mitverantwortlich"

Kocagöz macht den deutschen Supermarktgiganten und Auftraggeber Lidl für die schlechten Erfahrungen der Arbeiter mitverantwortlich. Er betont, dass es in der Türkei trotz der Rechte auf dem Papier viel zu lange dauert, bis ein Urteil fällt. Deutschland hätte die Rechte dieser Arbeiter schützen können, so Kocagöz - und zwar im Rahmen des neuen Lieferkettengesetzes. Das neue Gesetz, das im Januar 2023 in Kraft trat, schreibt deutschen Unternehmen ab einer bestimmten Größe vor, in ihren Lieferketten sowohl im In- als auch im Ausland Menschenrechte und Umweltvorschriften zu berücksichtigen. Dies hat Folgen auch für die türkischen Unternehmen, die mit Deutschland Handel betreiben - wie etwa im Fall Agrobay.

"Diese Arbeiter kümmern sich um die Tomaten, die Lidl in Deutschland verkauft. Diese Tomaten werden in einem anderen Land mit geringeren Kosten von billigeren Arbeitern hergestellt, und dabei werden die Rechte dieser Arbeiter verletzt. Wir verlangen von der Firma Lidl, dass sie zu diesem Thema aktiv Stellung nimmt und die Vorschriften des deutschen Lieferkettengesetzes erfüllt", so Kocagöz.

Lidl bestätigt Ermittlungen

Auf Anfrage der DW antwortete Lidl, dass man "jegliche Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen sehr ernst" nehme und momentan intern ermittle. Lidl beantwortete unsere Frage nicht, ob das Unternehmen mit Agrobay in Kontakt ist, schrieb aber: "Wir bitten um Verständnis, dass wir aufgrund der laufenden Untersuchung keine weiteren Details nennen können."

Hinweisschild auf einen Lidl-Supermarkt in Deutschland
Die meisten Tomaten, die es bei Lidl in Deutschland zu kaufen gibt, kommen aus der TürkeiBild: Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance

Lidl arbeite intensiv daran, die „negativen Auswirkungen in den Lieferketten zu minimieren, bei Rechtsverletzungen effektiv abzuhelfen und unseren Einfluss für positive Veränderung zu nutzen." Die Firma erkannte indirekt die Verletzungen an, indem sie sagte: "Außerdem prüfen wir im Anschluss, ob Präventionsmaßnahmen erforderlich sind, um solche Verletzungen zukünftig zu vermeiden."

Im Rahmen des "Gesetzes über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten" müssen Firmen die Rechteverletzungen in ihrer Lieferkette benennen, Maßnahmen gegen diese Verletzungen ergreifen und deren Umsetzung überprüfen. Falls die Verbesserungsmaßnahmen nicht umgesetzt werden können, kann das Gesetz dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit zwischen der Firma und dem Lieferanten beendet wird.

Kann das Lieferkettengesetz helfen?

In der Antwort von Lidl heißt es: "Es ist korrekt, dass wir aufgrund einer Beschwerde eine Untersuchung gemäß den Vorgaben des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes in Hinblick auf mögliche Verletzungen geschützter Rechtspositionen von Arbeitern und Arbeiterinnen bei unserem mittelbaren Lieferanten Agrobay eingeleitet haben." Agrobay und die Bayburt Group, ein Mischkonzern aus Ankara, zu der Agrobay gehört, beantworteten die Fragen der DW bisher nicht.

Die Gewerkschaft versucht währenddessen, mit Agrobay zu reden und zu verhandeln, habe aber bisher keine positive Rückmeldung auf die Einladung zu einem Meeting bekommen. "Wir fordern, dass die Begründung für die Entlassungen korrigiert wird und die Arbeiter ihre noch nicht bezahlten Löhne erhalten", so Kocagöz.

Auch Ayten Yavuz hofft, dass die Berichte über die Firma dazu beitragen, dass Arbeiter in der Türkei von nun an besser behandelt werden: "Ich hoffe, andere Chefs und Ingenieure lernen von unserem Kampf, damit sie die Arbeiter nicht so schlecht behandeln."

DW Mitarbeiter l Burak Ünveren, DW-Journalist
Burak Ünveren Redakteur. Themenschwerpunkte: Türkische Außenpolitik, Deutsch-Türkische Beziehungen.