Vana-Ströhla: "Perspektivenwechsel wagen"

Das Trinkgeld für den Kellner, die Anrede des Professors, die Straßenverkehrsordnung: Ausländische Studierende sind oft verunsichert, wie sie sich im deutschen Alltag verhalten sollen. Kurse helfen ihnen, das zu lernen.

Andere Länder, andere Sitten: Wenn ausländische Studierende nach Deutschland kommen, sind ihnen viele Verhaltensweisen erst mal fremd. Deshalb bieten die meisten deutschen Universitäten ihren ausländischen Studierenden Seminare an, in denen sie mehr über die deutsche Kultur erfahren können. An der Technischen Universität Ilmenau ist das Seminar "Interkulturelle Kommunikation" sogar verpflichtend für ausländische Studierende im Vorfachstudium. Geleitet werden die Kurse von Dozentin Sabine Vana-Ströhla.

Bildung | 20.10.2010

DW: Frau Vana-Ströhla, in Ihren Seminaren für die ausländischen Studierenden reden Sie unter anderem über den Kulturschock, den Studenten erleben können, wenn sie nach Deutschland kommen. Was sind denn typische "Schocker"?

Kulturelle Missverständnisse müssen nicht sein

Sabine Vana-Ströhla: Das kann sehr unterschiedlich sein, und nicht alle Studierenden erleben einen Kulturschock. Ein Student aus Mexiko fand es aber befremdlich, dass die Menschen in den deutschen U-Bahnen oft schweigen, statt miteinander zu plaudern. Das war für ihn ein Kulturschock. Ein anderer Student aus China hat mir erzählt, für ihn seien die leeren Straßen am Abend ungewöhnlich gewesen. Er braucht viele Menschen um sich herum und fährt deshalb jetzt häufiger in eine Großstadt.

Ihnen geht es in Ihrem Unterricht aber nicht nur darum, die fremde Kultur besser verstehen zu können, sondern auch die eigene. Warum?

Ich glaube, wenn man sich selbst einmal reflektiert hat: Warum bin ich so, wie ich bin? Was heißt denn eigentlich Kultur? Warum definiere ich denn etwas als normal oder auch mal als nicht normal?, dann kann man besser verstehen, warum Menschen aus anderen Kulturen das eine oder andere machen, was man vielleicht in dem Moment gar nicht versteht.

In Ihren Seminaren behandeln und diskutieren Sie kulturübergreifende Themen wie Fremdbilder, aber auch den Alltag an der deutschen Uni. Welche Schwierigkeiten kann es da geben?

Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass sich ausländische Studierende sehr gut auf Deutschland vorbereiten. Einen großen Beitrag dazu leisten auch die Goethe-Institute weltweit. Und wir finden auch immer viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen. Trotzdem gibt es Stolperfallen, zum Beispiel in unserer direkten Kommunikation. Ausländische Studierende erwarten oft nicht, dass sie in Seminaren und Vorlesungen oder im Gespräch mit anderen Studierenden so direkt auf einen Sachbezug angesprochen werden. Was ausländischen Studierenden oft Schwierigkeiten bereitet, ist das Hinterfragen der Aussagen von Dozenten. An deutschen Hochschulen dürfen sie auch eine völlig andere Meinung haben als die Dozenten und das öffentlich thematisieren. Das kann verunsichern. Vom Soziologen Johan Galtung gibt es hierzu interessante Studien, in welchen er verschiedene intellektuelle Stile thematisiert und erklärt.

Begleiten Sie die Studierenden eigentlich auch ganz praktisch in ihrem Alltag?

Ja, mir ist es wichtig, dass wir die ganze Theorie der interkulturellen Kommunikation mit einigen praktischen Erfahrungen begleiten. Wir gehen zum Beispiel in ein deutsches Restaurant, damit die Studierenden deutsches Essen probieren. Wie schmeckt ein Thüringer Kloß, der typisch für die Thüringer Gegend in Ilmenau ist. Sie erfahren, wie viel Trinkgeld angemessen ist. Außerdem haben wir einen praktischen Teil, in dem es um Verkehrserziehung für Radfahrer geht. In Ilmenau ist man viel mit dem Fahrrad unterwegs. Und auch wenn deutsche Mitbürger auf dem Gehweg fahren, ist es trotzdem verboten. Wir besuchen auch Unternehmen. Dort erfahren die Studenten, wie die Hierarchien gestaffelt sind, wie man den Chef anredet, mit Du oder mit Sie. Außerdem bekommen sie wertvolle Tipps, was man denn bei einer Bewerbung in Deutschland beachten soll.

Ihr Seminar endet jedes Semester mit einer Prüfung. Was müssen die Studierenden dann wissen?

Die Prüfung ist eine Wissensabfrage. Sie beinhaltet Landeskunde Deutschland und kulturübergreifende Themen. Beispielsweise müssen die Studenten einen zweizeiligen Lexikoneintrag über den Begriff Stereotyp oder Vorurteil schreiben. Es wird ein Fallbespiel für eine misslungene interkulturelle Kommunikation gegeben, und die Studierenden sollen mit den Theorien der Interkulturellen Kommunikation erklären, was in dem Fall schiefgelaufen ist. Mir ist wichtig, dass sie nicht nur unterscheiden, was typisch für die deutsche oder eine andere Kultur ist. Sie sollen auch erkennen, dass es oft um Missverständnisse geht, die nichts mit unterschiedlichen Kulturen, sondern verschiedenen Charakteren sowie persönlichen Erfahrungs- und Erwartungshaltungen zu tun haben.

Sabine Vana-Ströhla ist Referentin der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und Mitglied der Fokusgruppe der regionalen Bildungsstelle Mitteldeutschland "Bildung trifft Entwicklung". Als Mentorin betreut sie Studierende im wissenschaftlichen Weiterbildungsstudiengang "Interkultureller Trainer" an der Universität Jena.

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