Verlorene Jugend: Die Entführung von Chibok

Fünf Jahre nach der Massenentführung von Schülerinnen in Nigeria gehen immer weniger Kinder zur Schule. Auch in Kamerun und Niger leidet die Bildung unter dem Terror Boko Harams.

Am 14. April 2014 werden 276 Schülerinnen aus der staatlichen Sekundarschule im Dorf Chibok im Nordosten Nigerias entführt. Die Mädchen sind zwischen 16 und 18 Jahren alt, sie stehen kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Die Täter: Mitglieder der islamistischen Terrororganisation Boko Haram. Der Name ist Programm. Das Wort "haram" kommt aus dem Arabischen, es bezeichnet alle Handlungen, die nach der Scharia verboten sind.  "Boko" ist Hausa und bedeutet ursprünglich Nachahmung, Betrug oder Schwindel. Heute wird der Begriff auch synonym für nichtislamische, westliche Werte gebraucht. Übersetzt heißt Boko Haram also so viel wie "westliche Bildung ist Sünde".

Obschon die meisten der Chibok-Mädchen mittlerweile befreit werden konnten und viele von ihnen in einem Regierungsprogramm wieder unterrichtet werden, scheint die islamistische Terrorgruppe ihr Ziel erreicht zu haben. Aus Angst um ihre Kinder schicken immer weniger Eltern in Nordnigeria ihre Kinder zur Schule: Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) besuchen nur 53 Prozent der Kinder im Schulalter den Unterricht.

2017 traf sich Nigerias Präsident Buhari mit freigelassenen Schulmädchen aus Chibok

Denn die Entführung in Chibok war nicht die Einzige. Laut UNICEF hat Boko Haram mehr als 1000 Kinder entführt, mehr als 2000 Lehrer getötet und rund 20.000 vertrieben. Mehr als 1400 Schulen wurden zerstört und sind größtenteils weiterhin geschlossen. Auch das Schicksal von 112 Chibok-Mädchen, die weiterhin festgehalten werden, ist nach wie vor unklar. Es gilt als unwahrscheinlich, dass noch alle am Leben sind.

Mädchen sind besonders betroffen

Alhajy Bashir Muhammad ist Vater von 9 Kindern. Er weigert sich, nach den Vorfällen seine Kinder zur Schule zu schicken. "Die Regierung ergreift keine Maßnahmen zum Schutz der Kinder", erklärt er seine Entscheidung. Durch den Terror von Boko Haram hat sich die Zahl der Kinder ohne Schulbildung in Nigeria drastisch erhöht: mehr als zehn Millionen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren gehen laut UNICEF nicht zur Schule. Auf lange Sicht könnte das dazu führen, dass das aktuelle Armutsniveau der Menschen bestehen bleibt.

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Mädchen sind von der Situation stärker betroffen als Jungen. Die meisten Aktivitäten zur Ausbildung von Mädchen wurden ausgesetzt, beklagt A'isha Alh Kabu. Sie ist Aktivistin für Frauenrechte. Im Nordosten Nigerias seien derzeit die meisten weiterführenden Schulen geschlossen. "In Orten wie Dambo, Baga und Mafa gibt es keine Schulen mehr", zählt Kabu auf und konstatiert: "Die meisten Mädchen gehen nicht zur Schule."

"Nie wieder zur Schule"

Diese Situation betrifft aber nicht nur Nigeria. Auch im südöstlich gelegenen Nachbarstaat Kamerun treibt Boko Haram sein Unwesen. Schulgebäude werden niedergebrannt, Kinder und Jugendliche entführt und als Selbstmordattentäter rekrutiert.

Dieses Wohnheim einer Sekundarschule in Yobe wurde 2013 angegriffen und zerstört

Abdouraman Bello ist 17 Jahre alt. Vergangenes Jahr haben die Boko-Haram-Kämpfer ihn aus seiner Schule in Fotokol, einer Stadt an der Grenze zu Nigeria, gekidnappt. Er wurde in den Sambissa-Wald - den Rückzugsort der Terrormiliz - verschleppt, wo er als Laufbursche und Spion arbeiten musste. "Sie brachten mich direkt ins Dorf Bohgoshe und baten mich, für sie zu arbeiten. Nach einiger Zeit fragten sie mich, ob ich bereit sei, zurückzukehren, und ich sagte ja", erzählt Abdouraman. Aber seine Hoffnung wurde enttäuscht. Die Kämpfer glaubten ihm nicht, dass er das Versteck der Miliz geheim halten würde. Er musste bleiben.

Letztlich wurde Abdouraman vom kamerunischen Militär befreit. Danach schwor er sich, nie wieder in die Schule zurückzukehren, aus der er entführt wurde.

Auch Lehrer fürchten um ihr Leben

Aber nicht nur die Schüler und Schülerinnen bleiben zu Hause. Auch Lehrer fürchten um ihr Leben. Laut kamerunischer Regierung weigern sich etwa 600 Lehrer, zur Arbeit zu gehen. Patricia Ngum zum Beispiel sollte an Abdouramans Schule in Fotokol versetzt werden. Sie hat sich entschieden, nicht hinzugehen, sondern in Maroua zu bleiben, wo sie sicher ist. "Erwartest du, dass ich an einen Ort gehe, an dem ich getötet werden kann?" fragt sie. "Schulen werden niedergebrannt, Geiseln werden genommen, es gibt Selbstmordattentate. Wenn du in diese Region versetzt wirst, kannst du dir nicht sicher sein, was mit dir passiert. Besonders, wenn du ein Christ bist."

Auch Lehrerinnen sind Ziel des Terrors von Boko Haram

Ihr Kollege Mainimo Etienne fordert die Regierung auf, die zerstörten Schulen wieder aufzubauen. "Wenn nichts geschieht, ist die Zukunft der Kinder - die die Gestalter von morgen sind - in großer Gefahr, weil nur wenige von ihnen zur Schule gehen."

Zweifache Gefahr in Kamerun

Sanda Zoua, regionaler Bildungsbeauftragter im Norden Kameruns, bestätigt, dass die Zahl der Kinder, die infolge der Angriffe von Boko Haram nicht mehr zur Schule gehen, alarmierend ist. 124 Einrichtungen seien Ende des vergangenen Schuljahres geschlossen gewesen, berichtet Zoua: "Im Januar dieses Jahres mussten wir erneut drei Schulen in Waza schließen." Sie erklärt: "Wegen Selbstmordattentaten konnten die Schulen nicht normal funktionieren."

In Kamerun wird die Bildung allerdings nicht nur von Boko Haram bedroht. Denn hier schwelt zusätzlich der Konflikt zwischen der Regierung und Separatisten aus dem anglophonen Westen. 20 Prozent der gut 25 Millionen Einwohner Kameruns gehören der englischsprachigen Minderheit an  - ein Teil von ihnen fühlt sich gegenüber der französischsprachigen Mehrheit des Landes benachteiligt. Die Separatisten - die sogenannten Amba-Boys - bedienen sich ähnlicher Mittel wie Boko Haram. Mitte Februar kidnappten sie 170 Schüler einer katholischen Schule in Kumbo.

Gewalteskalation in Niger

Die Gewalt Boko Harams eskaliert derzeit in Niger. Allein im März wurden 88 Zivilisten von der Terrororganisation getötet, mehr als 18.000 Menschen mussten laut den Vereinten Nationen aus ihren Dörfern fliehen. Besonders betroffen sei die Region Diffa. Es ist davon auszugehen, dass auch hier Kinder und Jugendliche daran gehindert werden, zur Schule zu gehen. Lalaina Fatara Andriamasinoro von UNICEF Niger sagt, dass man allerdings noch keine Einschätzungen abgeben könne, dafür sei die Lage zu unübersichtlich.

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Abdouraman Bello in Kamerun ließ sich schließlich doch noch überzeugen, zur Schule zurückzukehren - trotz der unübersichtlichen Lage. Das Schulministerium versucht, Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder wieder zur Schule zu schicken. Abdouraman war mutig und ist an seine alte Schule in Fotokol zurückgekehrt.

Mitarbeit: Moki Kindzeka, Muhammad Al-Amin

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