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Accra wird zur Betonwüste

Kwasi Gyamfi Asiedu
4. August 2019

In Ghanas Hauptstadt Accra gibt es nur wenige Grünflächen. Mit dem Wachstum von Wirtschaft und Einwohnerzahlen verschwindet immer mehr Natur aus der Stadt. Einige Bewohner nehmen die Sache in die eigene Hand.

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Hochhäuser
Bild: Imago/photothek/T. Imo

Die Baubranche in Ghanas Hauptstadt Accra brummt. Überall in der Stadt an der Atlantikküste wachsen glitzernde Fassaden neuer Hochhäuser und Einkaufszentren in die Höhe. Die vielen Baukräne, die die Skyline der Großstadt immer wieder durchbrechen, lassen erahnen, dass der Bauboom noch lange nicht vorbei ist.

Eine neue Form des Wohlstands hält Einzug ins Land. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass Ghanas Volkswirtschaft am Ende dieses Jahres schneller als die irgendeines anderen Landes gewachsen sein wird. Das Wirtschaftswachstum des westafrikanischen Staates spiegelt sich auch in der wachsenden Bevölkerungszahl seiner Hauptstadt wieder. Manchen Prognosen zufolge könnte der Großraum Accra bis 2037 10 Millionen Einwohner haben. Das wäre ein signifikanter Anstieg der Bevölkerungszahl im Vergleich zu den 4 Millionen Menschen, die 2010 noch dort lebten.

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Angesichts des Wettrennens um Bauland von privaten Landbesitzern und Staat, scheint es fraglich, ob es in Zukunft überhaupt noch Parkanlagen und Grünflächen in Accra geben wird. Unbebaute Flächen sind heiß begehrt und werden nicht selten dem Wachstum der Stadt geopfert.

"Wir erleben gerade eine Zeit, in der Accra zur Betonwüste umgestaltet wird. Dabei gilt doch das Sprichwort "wenn der letzte Baum fällt, dann stirbt auch der letzte Mensch”, so die Anwältin Awula Serwah. Sie steht an der Spitze einer Bewegung, die sich für den Erhalt einer städtischen Grünfläche einsetzt, auf der auch das staatliche "Department of Parks and Gardens” - eine Art nationales Grünflächenamt - seinen Sitz hat.

Eine Anzeigentafel, die für ein neues Bauprojekt wirbt
In Ghanas Hauptstadt Accra sind Grünflächen heiß begehrt. Der Bauboom verschärft das Problem.Bild: DW/Ernest Kodjo Ayikpah

"Mutwillige Zerstörung der Umwelt”

Zu Beginn des Jahres wurden auf dem Areal, das von der für Grünflächen zuständigen Regierungsbehörde auch verwaltet wird, über 140 Bäume gefällt und 5.000 weitere Pflanzen zerstört. Noch ist völlig offen, wofür die Fläche verwendet werden soll. Die Regierung fühlte sich gezwungen, Gerüchte zu dementieren, denen zufolge die Fläche an private Investoren verkauft werden sollte.

Dennoch beschreibt Awula Serwah, die zwischen Ghanas Hauptstadt und London pendelt, den Vorgang als eine "mutwillige Zerstörung der Umwelt”.

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Kritiker sagen, dass dies nur eine von unzähligen Geschichten sei, die sich so oder so ähnlich immer wieder beim Wettrennen um Bauland in der Hauptstadt abspielen.

"Die öffentlichen Parkanlagen in Accra befinden sich in einem jämmerlichen Zustand”, so Kuukuwa Manful. Die Architektin aus Ghana forscht für ihre Doktorarbeit an der SOAS University of London zur Architektur afrikanischer Staaten. "Kommerzielle Interessen und das staatliche Bestreben, verstärkt zu privatisieren, haben dazu geführt, dass der Profit einiger weniger über die sozialen Belange der breiten Bevölkerung gestellt wurde.”

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Jetzt gehen laut Manful sogar die ohnehin sehr wenigen und "nicht angemessen verwalteten” öffentlichen Parkanlagen und Grünflächen verloren. Belastbare Daten dafür sind schwer zu finden. Eine Studie der University of Ghana aus dem Jahr 2018, die unter der Obhut von Dr. Alex Barimah Owusu erstellt wurde, schätzt, dass die Stadt zwischen 1986 und 2013 bis zu 65% der innerstädtischen Vegetation verloren hat.

Ein rostendes Riesenrad in einem Park
Die wenigen öffentlichen Parks, die es in Ghana gibt, sind lange vernachlässigt worden, so Kritiker. Im Efua Sutherland Children's Park stellt das vor sich hin rostende Riesenrad eine Gefahr für die Besucher dar.Bild: DW/Ernest Kodjo Ayikpah

Tödliche Luftverschmutzung

Viele afrikanische Städtehaben das gleiche Problem, Natur in der Stadt ist so gut wie nicht vorhanden. Im nigerianischen Lagos liegt die Grünflächenquote bei 3%, im ghanaischen Kumasi bei 7% und in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba sogar nur bei 1%.

Gleichzeitig steigt das Ansehen von städtischem Grün in der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht nur für das eigene Wohlbefinden, sondern auch im Hinblick auf die Klimakrise. Bäume und grüne, unversiegelte Flächen verhindern, dass die Stadt sich nicht zu stark aufheizt und sind hilfreich bei der Bekämpfung der Luftverschmutzung.

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Die staatliche Umweltbehörde (EPA) Ghanas führt nahezu 3.000 Todesfälle in der Metropolregion Accra im Jahr 2015 auf die Luftverschmutzung zurück. Die Behörde warnt davor, dass es bis 2030 sogar bis zu 4.600 Todesfälle jährlich sein könnten, die mit der Luftverschmutzung zusammenhängen.

Seit Adjei Sowah sein Amt als Bürgermeister von Accra im Jahr 2017 antrat, hat er zwei Initiativen gestartet - für mehr Stadtnatur und für eine Verminderung der Luftverschmutzung. Eine der Initiativen ermutigt Schulkinder dazu, selbst Bäume zu pflanzen.

Doch Sowah sagt, dass das Durchdrücken von Veränderungen in einer Stadt, die einem so rasanten Wandel wie Accra unterliegt und wo der Wettbewerb um Land so ausgeprägt ist, enorm schwierig ist.

"Ich muss gestehen, dass solche Maßnahmen eine große Herausforderung sind. Das sind ganz neue Initiativen in einer sehr chaotischen, dicht besiedelten Gegend, wo der Kampf um Platz und Flächen an der Tagesordnung ist”, so Sowah.

Autos auf der Stadtautobahn
Luftverschmutzung tötet im Stillen - in Accra wie auch in anderen Städten. Bild: Imago/photothek/T. Imo

Bürger mit grünem Daumen

Dort, wo staatliche Maßnahmen versagen, nehmen die Bürger die Sache in die eigene Hand. Im Stadtviertel "Teshie Nungua Estate” hat die Architektin Namata Serumaga-Musisi zusammen mit einer Vereinigung von Anwohnern einen kleinen Park mit Kinderspielplatz entworfen und errichtet. Viele Bewohner beteiligten sich an der Aktion. Der ortsansässige Imam spendete Wasser für die Bauarbeiten, ein anderer Anwohner stellte Schweißgeräte und Lagerflächen für das Baumaterial zur Verfügung.

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Dutzende von Ghanaern spendeten im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne Geld per Smartphone, um den Rasen zu finanzieren. Die Architektin hat außerdem einen Online-Aufruf gestartet, um freiwillige Helfer von außerhalb des Viertels zu gewinnen.

"Einmal hatten wir 50 Leute über den ganzen Tag verteilt da - Schubkarren herumfahren, große Steine bewegen, Erde harken - irgendetwas gab es immer zu tun und die Leute kamen, um zu helfen. Es war so unglaublich heiß, doch für die Menschen war es wichtig, dort draußen zu sein”, fügt die Architektin hinzu.

Für den Moment sind ihre Visionen von einem frei zugänglichen Park auf Eis gelegt worden. Der Politiker Bernard Okoe Boye, der für die Metropolregion Accra im Parlament des Landes sitzt, hat einen Zaun um das Stück Land errichten lassen und der Öffentlichkeit den Zugang verwehrt. Gegenüber der DW sagt er, dass er den Platz "in Ordnung bringen will, damit die Gemeinschaft den Nutzen daraus maximieren kann”. Er versprach, den Park bis Ende Juli für die Öffentlichkeit wieder freizugeben.

Ein Kinderspielplatz
Das Fehlen von Grünflächen bringt manche Menschen in Accra dazu, ihre eigenen Parks anzulegen, wie diese Anlage im Teshie Nungua Estate zeigt.Bild: DW/Ernest Kodjo Ayikpah

Das Abriegeln von Parks ist keine Seltenheit in Accra. Im "Efua Sutherland Children's Park”, der mit knapp 5 Hektar in etwa der Größe von sieben Fußballfeldern entspricht und im Herzen der Stadt liegt, kommt es vor, dass Besucher manchmal einfach weggeschickt werden. Die Familie der 1996 verstorbenen Schriftstellerin Efua Sutherland, nach der der Park benannt ist, sagt, dass sie sich einer drohenden Privatisierung des Geländes massiv entgegenstellen mussten. Jetzt, nach vielen Jahren der Vernachlässigung des Parks durch die zuständigen Behörden, betreiben sie ihren eigenen kleinen, gemeinnützigen Kinderpark.

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Viele andere Privatparks sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, sondern werden für Veranstaltungen wie Hochzeiten und Partys vermietet. Andere, wie die Legon Botanical Gardens, erheben eine Eintrittsgebühr, die für manchen unerschwinglich ist. Serumaga-Musisi merkte, wie stark die Sehnsucht der Menschen nach frei zugänglichen grünen Flächen ist, als sie anfing, ihren eigenen Park zu errichten.

Während der Bauarbeiten "gab es immer wieder unzählige Kinder, die aus allen Ecken zu uns kamen und hier ihre Hausaufgaben machten oder einfach nur schaukeln wollten”, so Serumaga-Musisi gegenüber der DW. "Es war sehr erfüllend das zu sehen, denn es hat mir gezeigt, dass wir auf ein real vorhandenes, menschliches Bedürfnis reagieren.”