Vor dem Weltklimagipfel: Kohle-Gegner demonstrieren in Bonn

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04.11.2017

Demonstration in Bonn

Zwei Tage vor dem offiziellen Start der UN-Weltklimakonferenz gingen tausende Menschen in Bonn gegen die Kohleenergie auf die Straße. Knapp ein Fünftel der EU-weiten CO2-Emissionen kommen aus Kohlekraftwerken.

Jung, alt, aus Bonn, dem Rest Deutschlands und der ganzen Welt – tausende Menschen haben gegen den umweltschädlichsten aller fossilen Brennstoffe demonstriert und einen schnellen sowie sozialverträglichen Kohleausstieg gefordert. Denn dass die diesjährige Klimakonferenz nur wenige Kilometer von Europas größter CO2-Quelle, dem rheinischen Braunkohlerevier, stattfindet, sollte nicht unbemerkt bleiben.

Kurz bevor sich Regierungsvertreter und Staatschefs aus 196 Ländern in Bonn treffen, um das Pariser Klimaabkommen von 2015 zu konkretisieren, zogen die Demonstranten buchstäblich eine rote Linie gegen Kohle. Rot gekleidet und gut gelaunt verkündeten sie lautstark ihre Botschaft: "Klima schützen – Kohle stoppen!"

"Wer an die Zukunft denkt, muss die fossilen Energieträger im Boden lassen. Hören wir auf zu reden und fangen wir endlich an: Raus aus Kohle, Öl und Gas", sagte Kai Niebert vom Deutschen Naturschutzring, der mit zwölf weiteren Organisationen zu dem Protest aufgerufen hatte.

Die Veranstalter zählten bis zu 25.000 Menschen, die an diesem Samstag auf die Straße gegangen waren, um die deutsche Regierung zur Abkehr von der Kohle zu bewegen. Dass so viele Demonstranten gekommen sind, sei ein "klares Signal" an die Bundesregierung, mehr für den Klimaschutz zu tun, sagte Sabine Minniger von Brot für die Welt.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Nur noch kurz die Welt retten

"Wenn wir die Erde nicht versuchen zu retten, dann passiert auch nichts. Wir sind gegen alles, was dem Klima schadet", sagt die 80-jährige Helga.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Energiewende

"Die Kohle ist gar nicht so billig, die ist einfach nur stark subventioniert und die Folgekosten werden nicht eingerechnet, wie die Luftverschmutzung und der Klimawandel. Wenn man es ganz ökonomisch sieht, ist Windkraft und Solar eine der billigsten Energieträger, die es gibt", sagt Johannes. Er muss es wissen: Er ist Servicetechniker für Windkraftanlagen.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Profitgier

"Das Klima ist nicht ok, weil Profit immer an erster Stelle steht. Die Regierung muss jetzt ändern, wie wir Strom erzeugen. Aber Profit scheint den Mächtigen wichtiger zu sein und deswegen sind wir hier – wir wollen einen Wandel", sagen die Eltern des kleinen Demonstranten aus Belgien.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Klimawandel bereits Realität

"Wir wollen sichergehen, dass unsere Stimmen aus dem Pazifik, die den Klimawandel bereits erleben, auf Aktionen wie diesen hier gehört werden", sagt Josephzane von den Pacific Climate Warriors.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Zukunft der Kinder

Hier protestiert die ganze Familie. "Ich laufe mit, weil ich glaube, dass der Energiewandel noch viel radikaler angegangen werden muss, sonst erreichen wir die Klimaziele nicht", sagt Papa Gregor und Mama Tini fügt hinzu: "Es ist für die Kinder extrem wichtig, wir müssen uns für die Umwelt, fürs Klima einsetzen, damit wir ihnen nicht die Zukunft verbauen."

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Aktive Jugend

"Ich laufe mit, weil Leute etwas unternehmen sollen, vor allem die Jugend, um ihren Handabdruck zu erhöhen – der Handabdruck als Symbol für den Klimaschutz – und ihren Fußabdruck zu verringern. Es ist wichtig, dass die Jugend aktiv wird. Die zukünftige Generation wird am meisten vom Klimawandel betroffen sein. Die Verantwortung liegt bei uns", sagt Booja.

Anti-Kohle-Demo in Bonn

Jeder kann etwas tun

"Wir finden es unheimlich wichtig, sich dafür einzusetzen, dass sich etwas ändert in der Welt. Jeder kann etwas tun fürs Klima, auch als einzelne Person. Das fängt bei kleinen Entscheidungen an, wenn man Einkaufen geht oder auf Demos mit läuft", sagt Eva.

Deutschland hängt noch an der Kohle

Wenn Deutschland nicht schnell aus der Kohle aussteige, könne es die Pariser Klimaziele verfehlen, warnte kürzlich der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät. Deutschland riskiere ebenfalls seinen Ruf als Klimavorreiter.

"Kohle hat keine Zukunft, die Welt rückt von ihr ab", sagte Eberhard Brandes, Deutschlandchef des World Wide Fund for Nature (WWF). "Deutschland muss mitziehen, sonst sind wir weder Vorbild noch halten wir unsere internationalen Verpflichtungen ein".

Knapp ein Fünftel aller Treibhausgase in der EU kommen aus den Kohlekraftwerken und davon die Hälfte aus den Schloten in Deutschland und Polen. Trotz der Energiewende sind in Deutschland immer noch 77 solcher Kraftwerke am Netz – so viele wie in keinem anderen Land Europas. Polen belegt Platz zwei mit 44 Kohlekraftwerken.

Derzeit wird bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin über den Weg und das Tempo des Kohleausstiegs aus Klimaschutzgründen gerungen. Andere europäische Länder wie Italien, Frankreich, Finnland und den Niederlanden sind schneller mit ihrem Kohleausstieg. Bis spätestens 2030 wollen sie kohlefrei sein.

Umweltschützer hoffen, die nächste Regierung werde bald einen Schlussstrich unter die Kohle ziehen. Hubert Weiger vom BUND sagte den Demonstranten in Bonn, Deutschland werde ohne ein klares Nein zu Kohle seine nationalen Klimaziele unter dem Pariser Klimaabkommen nicht erreichen.

"Die Bundesregierung muss endlich konsequent die verabschiedeten Klimaziele umsetzen", forderte Weiger. "Klimaschutz heißt auch Kohleausstieg".

Zusätzlich zu den Demonstranten in Bonn sind rund tausend Fahrradfahrer von Köln die 30 Kilometer in die ehemalige Bundeshauptstadt geradelt, um ein Zeichen gegen Verbrennungsmotoren zu setzen. "Wir wollen zeigen, dass es mit dem Fahrrad auch geht", sagte ein Teilnehmer der DW. "Ganz aufs Auto wird man wahrscheinlich erst mal nicht verzichten können, auch mit Elektromobilität muss es eine Wende geben. Kurzstrecken muss man nicht immer mit einem Auto fahren".

Dem ersten Anti-Kohle-Protest werden in den zwei Wochen des Weltklimagipfels noch weitere folgen. Die Organisatoren wollen damit die Ziele der COP23 unterstützen.

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