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Warum eine Zinskurve Angst vor Rezession schürt

Mischa Ehrhardt
16. August 2019

In den USA steht die Zinswelt Kopf: Denn dort liegen die kurzfristigen Kapitalmarktzinsen über den langfristigen. Gewöhnlich ist es umgekehrt. Das gilt vielen als sicherer Vorbote einer Rezession.

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Symbolbild New York Stock Exchange Börse Baisse Kurssturz
Bild: picture-alliance/dpa/J. Lane

Schwache Konjunkturdaten aus China und Deutschland haben in den vergangenen Tagen die Finanzmärkte verunsichert. Hinzu kommt ein seltenes Phänomen, das in der Vergangenheit häufig Vorbote einer Rezession war - eine so genannte "inverse Zinskurse" in den USA. Einfacher ausgedrückt spielen die Zinsen verrückt, die Zinswelt steht sozusagen auf dem Kopf.

Denn normalerweise werfen langfristig laufende Staatsanleihen mehr Zinsen ab als kürzer laufende. Grund dafür ist, dass das Risiko für den, der Anleihen kauft, mit der Laufzeit steigt. Wer dem amerikanischen Staat für drei Monate Geld leiht, kann ziemlich sicher sein, es auch wieder zurück zu bekommen. Wer es für 30 Jahre aus der Hand gibt, muss mit unvorhergesehenen Risiken rechnen. Somit sind die höheren Zinsen quasi der Lohn für eine höhere Risikobereitschaft. Soweit, so gut. Nur: Aktuell hat sich dieses Verhältnis umgekehrt - kurzfristige Anleihen sind zeitweise höher verzinst als die langjährigen.

USA US-Börsen auf Talfahrt
Über drei Prozent oder 800 Punkte: Der Dow Jones verzeichnete am Mittwoch den heftigsten Absturz des Jahres Bild: Getty Images/AFP/J. Eisele

Das kann Probleme mit sich bringen, wenn dieser Zustand länger anhält. Banken beispielsweise verdienen Geld unter anderem durch die so genannte "Fristentransformation", kurz: Banken verdienen Geld, indem sie kurzfristig Geld von ihren Kunden leihen und es in langfristigen Krediten ausreichen. Für die kurzfristige Geldbeschaffung zahlen sie wenig Zinsen, bei der langfristigen Kreditvergabe kassieren sie mehr Zinsen. Genau das aber funktioniert nicht mehr, wenn sich die Zinskurve umkehrt. Hält dieser Zustand an, kann das also manche Banken in Bedrängnis bringen und sich damit auch auf das Finanzsystem auswirken.

Kein gutes Omen

Die inverse Zinskurve sagt aber auch noch etwas anderes aus. Finanzakteure und Investoren gehen offenbar davon aus, dass es in Zukunft niedrigere Zinsen geben wird als jetzt. Da dies Zinssenkungen durch die Zentralbank impliziert, rechnen sie also mit einem schwächeren Wachstum der Wirtschaft oder gar einer Rezession. Es ist dieser Zusammenhang, der kein gutes Omen ist: Seit dem Zweiten Weltkrieg ist jeder Rezession in den USA eine inverse Zinskurve vorausgegangen. Andererseits heißt das nicht, dass auf jede solche Entwicklung eine Rezession folgen muss. Laut einer Studie der Landesbank Hessen-Thüringen Helaba gab es beispielsweise 1966 und 1998 zeitweise eine umgedrehte Zinswelt, aber eben keine Rezession.

Allerdings haben sich auch die Konjunkturaussichten aktuell eingetrübt, denn es gibt eine ganze Reihe von Risiken: Die zahlreichen und wachsenden politischen Krisen rund um den Globus, darunter vor allem der Handels- und Technologiekonflikt zwischen den USA und China. Der hat sich wie Mehltau auf die Weltwirtschaft gelegt. Zu nennen sind aber auch der unsichere Ausgang des Brexit, die Regierungskrise in Italien oder der Streit über das iranische Atomprogramm.

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Entsetzer Blick aufs Tablet: Börsenhändler in New York Bild: Getty Images/D. Angerer

Die schlechte Stimmung frisst sich in die Köpfe

Und die von diesen Krisen und Konflikten ausgehende Unsicherheit hinterlässt mittlerweile deutliche Spuren: In China hat sich das Wachstum in der Industrie deutlich abgeschwächt. Doch auch in Deutschland hat die Unsicherheit Spuren hinterlassen. So ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal leicht geschrumpft. Die Stimmung in den Chefetagen ist rapide in den Keller gegangen.

Zusammen mit der "verkehrten" Zinswelt hat das in den vergangenen Tagen für eine Menge Unsicherheit an den Finanzmärkten geführt. Und die könnte sich auch noch verstärken. "Jetzt kommt langsam zur Unsicherheit noch die Psychologie dazu, also: Die Unternehmen fangen an, weniger zu investieren, sie zögern hinaus", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING. "Wir sehen auch, dass die Verbraucher so langsam ein bisschen vorsichtiger werden. Und Vorsicht und Angst kosten letztendlich Wirtschaftswachstum."