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Amerikanische Juden: Sicherer in Berlin?

Diane Wolf bb
22. September 2018

Diane L. Wolf, Gastforscherin am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin, schreibt über ihre Zeit in Deutschland, die Vertreibung ihrer Familie in den 1930er Jahren und Deutschlands Umgang mit der Vergangenheit.

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Symbolbild - Judentum - Menora
Bild: picture-alliance/dpa/F. von Erichsen

Diane L. Wolf ist Soziologin an der Universität von Kalifornien, Davis, und ehemalige Leiterin des Programms Jüdischer Studien der Cornell University, Ithaca, New York. Vor Kurzem hat sie sechs Monate am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (ZfA) gearbeitet und an der Weitergabe von Traumata von einer Generation zur nächsten geforscht. Ihre Gedanken über ihre Berliner Zeit hat sie gegen Ende ihres Sabbatjahrs in einem Essay zusammengetragen.

Wenn ich in Deutschland neue Leute kennen lernte, kamen häufig Kommentare über meinen deutschen Nachnamen. Wenn ich dann erklärte, dass meine Eltern in Deutschland geboren wurden, erntete ich einen verwunderten Blick, ein nonverbales "Hä?" sozusagen.

Diane L. Wolf, Senior Gastwissenschaftler am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin
Diane L. Wolf, Gastforscherin am Zentrum für Antisemitismusforschung in BerlinBild: John Ebel-Davies

Niemand schien an die 1930er Jahre oder an Hitler zu denken, was mich beeindruckte. Dabei bin ich eine Frau mittleren Alters mit gelocktem Haar - ist das nicht ein Hinweis? Ich würde in diesem Moment  so etwas denken. Aber das sind ohnehin meine üblichen Gedanken.

Gewöhnlich habe ich den Leuten ganz deutlich gesagt, dass meine Eltern fliehen mussten, weil sie sonst umgebracht worden wären. Und während diese Information bei meinem Gegenüber sackte und er alles neu sortierte, konnte ich seinem Gesicht ansehen, wie er ganz allmählich verstand.  Es zeigt das Gegenteil von dem, wenn ein Kind, das bei der Frage, wie viel Zwei plus Zwei ergibt, fröhlich "Vier!" ruft.

Der Gesichtsausdruck wechselte von lächelnd zu sehr ernst, und schließlich kam die Frage: "Oh, Ihre Eltern waren also jüdisch?" (Dass die Leute die Vergangenheitsform benutzten, fand ich überraschend). "Ja, waren sie", sagte ich. "Und ich bin es auch. Und ich bin zurück!"

Unterschiede je nach Generation

Manchmal kehrte ihr Lächeln zurück, aber nicht immer. Ich glaube, manchen Deutschen ist es bis heute unangenehm, einen echten, lebenden Juden zu treffen.

Als ich anfing, regelmäßig nach Deutschland zu kommen - vor mehr als 30 Jahren, nachdem ich den deutschen Mann kennengelernt hatte, der mein Ehemann wurde - musste ich meinen Background nicht auf diese direkte Art erklären. Die meisten Leute, mit denen ich sprach, gehörten der Nachkriegsgeneration an und verstanden sofort. Die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Generationen finde ich sehr nachvollziehbar.

Nach sechs Monaten, die ich in Berlin verbrachte, kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass ich mich hier sehr sicher fühle - sicherer als in den USA. Im Grunde glaube ich, dass Deutschland heutzutage ein guter Ort für Juden ist. Ja, es gibt hier Antisemitismus. Ja, es gibt Hassverbrechen. Und Ja, es ist sicher für Juden. Das alles ist wahr.  

Natürlich sind Ereignisse, wie sie jüngst in Chemnitz geschehen sind, beunruhigend. Der Antisemitismus, der von Deutschen ausgeht, die sich der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) zugehörig fühlen, ist heftig und der Nationalismus wächst. Aber: Die überwältigende Reaktion, die auf die gewalttätigen rechten Ausschreitungen folgte und 65.000 Gegendemonstranten versammelte, war eindrucksvoll und gibt Anlass zur Hoffnung.

Nach dem, was ich gelesen habe, gibt es keinen weit verbreiteten Antisemitismus unter muslimischen Mitbürgern und geflüchteten Neuankömmlingen. Mein soziologisches Gespür für die gegenwärtige deutsche Gesellschaft sagt mir eher, dass sie stärker unter Diskriminierung leiden als Juden, doch wird das weder ausreichend berichtet noch anerkannt.

Chemnitz - Konzert gegen Rassismus
65.000 Besucher kamen nach Chemnitz zum Konzert gegen Rassismus.Bild: Reuters/H. Hanschke

Erinnerungskultur

In Charlottesville, Virginia, marschierten im August 2017 Neonazis mit Fackeln durch die Straßen. Ich war froh, dass meine Eltern und Großeltern nicht mehr lebten und sich dieses Spektakel ansehen mussten. Stellen Sie sich das vor: Froh zu sein, dass die Eltern und Großeltern tot sind! Das ist doch nicht normal! Aber in den USA gibt es kein "normal" mehr. Angst zu haben, das ist das neue "normal".

Präsident Donald Trump hat den Aufmarsch nicht unmittelbar verurteilt. Ihm fiel doch tatsächlich nichts Kritisches dazu ein, dass Neonazis in der Nacht mit Fackeln aufmarschierten. Erst nach einiger Zeit und auf Druck merkte er an, dass es "ein paar sehr böse Menschen in der Gruppe" gegeben habe, aber "auf beiden Seiten auch sehr gute Leute". Da haben Sie es: Scheinbar kennt Donald Trump einige erlesene Neonazis. 

Deutschland versucht, sich seiner Vergangenheit zu stellen, anstatt sich wegzuducken. Dafür habe ich den größten Respekt. In Berlin gibt es zahlreiche Gedenkstätten, wobei ich es besonders mag, wenn etwas unauffälliger erinnert wird. Ein Beispiel dafür sind die Überbleibsel eines jüdischen Waisenhauses in der Nähe meiner Wohnung in der Schönhauser Allee. Die dort angebrachten Tafeln, die einem beim Vorübergehen auffallen, sind bewegende Mahnrufe, die den Alltag kurz unterbrechen und einen zum Nachdenken bringen. Auch sind sie ein Zeichen von Anerkennung.

Diese Konfrontation mit der Vergangenheit könnte erklären, warum einige nicht-jüdische Deutsche nicht sicher sind, wie sie auf mich reagieren sollen. Bei den meisten ist das Wissen darüber, was ihr Land meinem Volk und anderen angetan hat, Teil ihrer Bildung. Obwohl das vielleicht nicht die Bildung ist, die sie zu Hause erhielten, hat ihre formale Bildung sie mit unvorstellbaren und schrecklichen Taten konfrontiert, die im Namen ihrer Familien und ihrer Nation begangen wurden.

Stolpersteine
Diese kleinen Gedenktafeln im Boden, sogenannte Stolpersteine, erinnern überall in Deutschland an die Opfer des Holocausts.Bild: DW/T.Walker

Neubetrachtung der Vergangenheit

Die Reaktionen auf meinen familiären Hintergrund sind in anderen Ländern, wie den Niederlanden, komplett anders. Die Niederlande hatten mit mehr als 70 Prozent die - direkt nach Deutschland - höchste Deportationsquote von Juden in Westeuropa. Aber viele Niederländer sehen sich immer noch als Opfer der Nazis und nicht als Unterstützer. Wenn einer von ihnen herausfindet, dass ich Jüdin bin, haben sie eher das Gefühl, dass wir auf der gleichen Seite stehen - auf der der Opfer der Nazi-Besatzer. Sie spüren seltener Unbehagen darüber, dass sie aus einem Land kommen, in dem - entgegen dem Mythos vom Widerstand - einige Menschen mehr als bereit waren, mit den Nazis zu kooperieren.

Was mir in den vergangenen Monaten klar wurde, ist, dass der Staat zwar ein enormes Bewusstsein für die Geschehnisse in Deutschland geschaffen hat. Weniger klar ist, wie die deutsche Bevölkerung dieses Wissen aufgenommen oder die Vergangenheit angenommen hat. Mit anderen Worten: Da gibt es eine größere Diskrepanz, als ich erwartet hätte.

Schließlich liegt das Dritte Reich jetzt weit in der Vergangenheit. Ich glaube nicht, dass sich die jüngeren Generationen schuldig für das fühlen müssen, was ihre Vorfahren mit Juden, Sinti und Roma, Schwulen, Behinderten, Polen und Widerstandskämpfern angestellt haben. Aber sie müssen es wissen und ernst nehmen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die dritte deutsche Nachkriegsgeneration eine positive (und falsche) Geschichte über ihre Großväter zu schreiben scheint, die in der Armee oder im paramilitärischen Flügel der Nazi-Partei dienten - oder wie sie heldenhaft einige Juden retteten. Die Vergangenheit wird im Familiengedächtnis auf eine Weise revidiert, die nicht das nationale Gedächtnis oder die Geschichte widerspiegelt.

Auch wenn einige den Mangel an Verbindung der jungen Deutschen zu den Ereignissen der Shoah beklagen mögen - wie viele meiner Studenten in Kalifornien fühlen sich schlecht wegen der Inhaftierung von Japanern in US-Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs? Wie viele wissen überhaupt davon?

Wie viele Amerikaner bekennen sich zu der Art und Weise, wie die USA durch Völkermord geschaffen und auf dem Rücken von Sklaven aufgebaut wurden? Wie viele erkennen an, dass Indianer und Afroamerikaner immer noch eine Unterschicht sind, die weder Entschuldigungen noch Wiedergutmachungen erhalten hat? Warum gibt es an der Westküste keine Gedenksteine an Orten, wo Menschen bei antichinesischen Unruhen getötet wurden?

Ein sicheres Gefühl in Berlin

Ich bin in der deutschen Kultur nicht zu Hause, auch wenn ich aufgrund meiner Erziehung mit einigem vertraut bin (Roggenbrot, 4711 Echt Kölnisch Wasser, Schreiben und Rezitieren von Gedichten für wichtige Feste und extreme Pünktlichkeit!). Ich habe während meines Aufenthaltes in Berlin keine deutschen Freunde gefunden. Ich verstehe, dass das Zeit braucht, aber ich wünschte, es wäre diesbezüglich etwas mehr passiert.

Ich habe meine Kollegen vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) sehr geschätzt. Aus ihren Reaktionen auf das, was ich sagte, lernte ich, wie schwierig es für Deutsche ist, irgendetwas Jüdisches zu kritisieren, einschließlich und vielleicht vor allem Israel. Auf einer Konferenz in Köln geriet ich in einen heftigen Streit mit einem jungen deutschen Psychoanalytiker, dessen unerschütterliche Verteidigung Israels mich erstaunt hat

Und leider können die Deutschen, auch mein Mann, immer noch nicht über meinen schwarzen Holocaust-Humor lachen. Ich habe zwei neue israelische Freunde gewonnen, beides Kollegen. Wir reden darüber, in Berlin Jude zu sein und lachen über Dinge, über die Deutsche nicht zu lachen wagen.

Ich hasste die Kälte, als wir im März ankamen. Aber trotzdem fühlte ich mich, als wäre ich gerne "zu Hause" in unserer Berliner Wohnung. Ich liebte mein Leben in Berlin. Ich war so viel entspannter, weil ich mir keine Sorgen um Waffen machen musste. Einmal sah ich, wie zwei Berliner Autofahrer aus ihren Wagen stiegen und sich gegenseitig anschrien, aber ich erinnerte mich immer wieder daran, dass niemand bewaffnet war. Ich kann mich in meinem täglichen Leben oder bei meiner Arbeit an der Universität in den USA nicht so beruhigt fühlen.

Wenn ich in Berlin auf der Straße Gedenkstellen entdeckte, fühlte ich mich auf einer tieferen Ebene anerkannt. Ich fühlte mich sicher, weil ich wusste, dass die meisten deutschen Politiker und Menschen antisemitische Einstellungen, Verhaltensweisen und Handlungen lautstark verurteilen.

Ich bin gern auf dem nahe gelegenen jüdischen Friedhof spazieren gegangen und sagte meinem Mann immer wieder, dass ich dort begraben werden möchte. Ich habe diese Zeit sehr geschätzt, als ich mich auf meine Forschung konzentrieren konnte, die so sehr meiner Umgebung entsprach, den Romanen, die ich las und sogar dem, was im Fernsehen gezeigt wurde. Ich war ganz in die 1930er und 1940er Jahre versunken: Leben und Arbeit, Familie und Erinnerung vermischten sich.

Deutschland, Berlin:  Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee
Der Jüdische Friedhof im Berliner Stadtteil Weißensee ist einer der größten in Europa.Bild: picture-alliance/T. Uhlemann

Eine Zukunft in Deutschland?

Nachdem ich monatelang in Berlin gelebt und Eltern und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie ältere Menschen beobachtet hatte, wurde mir auch klar, dass ich dieser Kultur und einigen ihrer Werte beraubt wurde, als meine Familie fliehen musste. Ich wollte nicht nach Deutschland ziehen, als ich meinen Mann heiratete, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich unserem Sohn eine gewisse Art von Erziehung in einer Gesellschaft vorenthalten habe, die in vielerlei Hinsicht freundlicher, fairer und familienfreundlicher ist jene in den USA. Und weniger gewalttätig.

Mein "innerer Flüchtling" ist seit Trumps Wahl auf Alarmstufe Rot (oder sollte ich Orange sagen?), und ich bin sehr besorgt um die Zukunft - zum Teil aus gutem Grund, zum Teil nicht. Ich stelle gerade die Unterlagen für den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft zusammen, die ich meiner Meinung nach jetzt mehr denn je brauche. Ob und wann ich ihn einreiche, bleibt abzuwarten, aber ich bin dankbar für die Möglichkeit. Wie ironisch, dass die Staatsbürgerschaft, die meinen Eltern und Großeltern genommen wurde, mir jetzt ein sichereres Gefühl in der Welt gibt.