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Welttag der Poesie

Nadine Wojcik20. März 2016

Warum ganze Bücher schreiben, wenn manchmal auch wenige Zeilen reichen? Weltweit feierte die UNESCO am 21.3. eine etwas aus der Mode gekommene Textgattung. Zu Recht, finden auch wir. Hier unsere sechs liebsten Gedichte.

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Loreleyfelsen am Rhein, Foto: imago/Werner Otto
"Und ruhig fließt der Rhein" in dem romantischen Gedicht "Das Lied von der Loreley" von Heinrich HeineBild: imago

Jambus oder Trochäus? Als junger Schüler quält man sich noch durch die Formalitäten von Gedichten, untersucht Vermaß, lernt die ein oder andere Zeile auswendig. Später dann, vielleicht als Teenager oder junger Erwachsener, wird einem die eigentliche Kunst hinter den Worten bewusst, wenn Gedichte Bilder im Kopf entstehen lassen oder Gefühle aufrütteln. Wie beispielsweise die "Todesfuge" von Paul Celan über den mörderischen Alltag in Auschwitz, die einem regelrecht das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wie lässt sich das Grauen dieses Ortes besser fassen als in diesen Zeilen? Viele Gedichte sind wahre Kunstwerke.

Seit 2000 erinnert die UNESCO daher am Tag der Poesie an diese besondere Textgattung. Weltweit werden dann Lesungen und Ausstellungen veranstaltet oder Preise vergeben. In Deutschland richtet die Literaturwerkstatt Berlin den Tag aus, in diesem Jahr unter anderem mit Autoren aus Norwegen, den USA, Indien und Syrien. Gar nicht verstaubt zeigte sich die Literaturwerkstatt bereits beim ersten weltweiten Tag der Poesie, als sie die ältesten Kunstform der Welt mit der modernen Kommunikation zusammenbrachte: das Onlineportal "Lyrikline".

Ein bisschen Werbung für die Poesie kann dennoch nicht schaden, haben Dichter doch keinen einfachen Stand in der Literaturlandschaft. Ist es bereits als Romanautor nicht einfach, von dem Beruf zu leben, so haben es Poeten aufgrund der geringen Leserschaft in Deutschland noch viel schwerer. Bemerkenswert daher die Jury-Entscheidung zum Leipziger Buchpreis 2015 in der Sparte Belletristik: Mit Jan Wagner wurde zum ersten Mal ein Lyriker geehrt. Auch in diesem Jahr stand mit Marion Poschmann wieder eine Poetin auf der Shortlist.

Und auch wir, die Kulturredaktion, haben uns im tagesaktuellen Kulturgeschehen Zeit für den Tag der Poesie genommen: Welche Gedichte haben uns bislang beeindruckt? Welche haben uns träumen, staunen oder lachen lassen? Viel Spaß mit unseren sechs liebsten Gedichten.

Heinrich Heine: Das Lied von der Loreley

Loreley-Statue von Mariano Pinton, Foto: imago/Hoffmann
Hoch oben sitzt die schöne Jungfrau mit dem goldenen Haar - davon sollten sich Rhein-Kapitäne lieber nicht ablenken lassenBild: imago/Hoffmann

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.

Ernst Jandl: schtzngrmm

Schützengraben der deutschen Armee im 1. Weltkrieg an der Ostfront in 1916, Foto: AP-Photo
Schützengraben ohne Vokale und Verschleifungen? Schtzngrmm. Klingt wie Granateneinschläge und GewehrsalvenBild: picture alliance / AP

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s------c------h
tzngrmm
tzngrmm
tzngrmm
grrrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

Haiku von Ryôta:

Bildergalerie Bäume Kiefer in den White Mountains
Haiku - die kürzteste Gedichtform der Welt stammt aus Japan, bestehend aus drei WortgruppenBild: GABRIEL BOUYS/AFP/Getty Images

Ach, dieser Vollmond:
Wenn ich einst wiederkomme,
Als Kiefer - bitte!



Rainer Maria Rilke: Der Panther

Südafrika, Schwarzer Panther, Raubkatze, 16.09.2011
Rilkes Raubkatzendrama spielt in einem Pariser ZooBild: picture-alliance/WILDLIFE/Harpe

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.



François Villon: Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Das will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Filmstill Nachtblende Romy Schneider und Klaus Kinski
Klaus Kinski war verrückt nach den Frauen. Auch nach Romy Schneider - und machte das Gedicht als Zitator berühmtBild: picture-alliance/dpa-Film

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund...
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hats auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart,
für mich so tief im Haar verwahrt...
Ich such ihn schon die lange Nacht
Im Wintertal, im Aschengrund...
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Beerenkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei,
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
...ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!



Wilhelm Busch: Der fliegende Frosch

Wilhelm Busch
Meister der Satire, geistiger Vater von "Max und Moritz" und Vorreiter der Comiczeichner: Wilhelm BuschBild: picture-alliance/dpa

Wenn einer, der mit Mühe kaum,
geklettert ist auf einen Baum,
schon meint,
daß er ein Vöglein wär,
so irrt sich der.