Wie wird Deutschlands Kohleausstieg möglichst sozial?

Deutschland muss aus der Kohlekraft zügig aussteigen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Doch wie sollte der Wandel in den Kohleregionen gestaltet werden, damit die Regionen profitieren und neue Jobs entstehen?

Deutschland will den Klimaschutz und seine Verpflichtungen für das internationale Klimaabkommen von Paris erfüllen. Da etwa ein Drittel der deutschen Treibhausgase bei der Kohleverstromung freigesetzt werden, bezeichnen alle etablierten Parteien den Kohleausstieg als wichtigen Schritt. Offen ist jedoch die Frage, wie schnell der Kohleausstieg nötig ist, damit Deutschland seine Klimaverpflichtung erfüllt und wie er gut gelingen kann. 

Natur und Umwelt | 09.11.2017

Aktuelle Studien halten den kompletten Kohleausstieg in Deutschland in den nächsten zwei Jahrzehnten für notwendig. Orientiert sich Deutschland am Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, so liegt der Ausstieg nach Angaben der Denkfabrik Agora Energiewende bei etwa 2040. Orientiert sich Deutschland jedoch am ambitionierten 1,5 Grad-Ziel und berücksichtigt zudem auch die Emissionen aus der Vergangenheit, so müsste der Ausstieg aus der Braun- und Steinkohle zur Stromgewinnung nach einer Studie des New Climate Institute "bis etwa 2025 erfolgen".

Wie gelingt der sozialverträgliche Umbau? 

Nach einer aktuellen Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gibt es derzeit noch rund 7800 Vollzeitarbeitsplätze im ostdeutschen Braunkohlerevier in der Lausitz. Im Braunkohlerevier bei Köln arbeiten rund 8960 Menschen im Tagebau und in Kohlekaftwerken.

Würde Deutschland keine weiteren Klimaschutzbemühungen unternehmen, sondern so weitermachen wie bisher, würden trotzdem Arbeitsplätze verloren gehen. Allein durch Veränderungen in den Energiemärkten würde sich die Beschäftigtenzahl fast halbieren. Im Jahr 2030 wären demnach noch etwa 3.900 Braunkohlearbeitsplätze im Lausitzer Revier sowie 4500 Jobs im Rheinischen Revier übrig. Zugleich würden nach Angaben des IÖW noch etwa 8500 Menschen in diesen Regionen ihre Heimat durch den weiteren Fortbestand der Tagebaue verlieren, weil deren Siedlungen abgebaggert würden.

Natur und Umwelt | 20.05.2017
 Geisterstadt Immerath

Die Bewohner von Immerath (Rheinland) mussten ihre Häuser verlassen. Alles wird bald für die Braunkohle abgerissen.

Die Forscher suchten nun nach Lösungen wie Deutschland seine Klimaverpflichtungen erfüllen kann, weniger Menschen ihre Heimat verlieren, möglichst viele Arbeitsplätzte in der Region erhalten bleiben und weiter Steuereinnahmen in die kommunalen Haushalte der Regionen fließen.

Die Forscher gingen bei ihren Berechnungen davon aus, dass die Stromgewinnung aus Braunkohle in den Bundesländern zu etwa 75 Prozent durch Windenergie und zu 25 Prozent durch Photovoltaik (PV) bis 2030 gut ersetzt werden kann. Im Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) würden sich bei der Photovoltaik vor allem noch ungenutzte Dachflächen anbieten. In den ländlichen Bundesländern Brandenburg und Sachsen sehen die Forscher die Solarstromerzeugung vor allem mit Freiflächenanlagen. 

Nach Berechnungen des IÖW könnte die Arbeitsplätze in den drei Bundesländern, die durch das Ende der Braunkohleverstromung verloren gingen, durch neue Arbeitsplätze beim Aufbau und der Wartung von Wind und Solarkraftanlagen insgesamt mehr als kompensiert werden.

Um allerdings an den Tagebaurändern den Verlust von Jobs auch bestmöglich zu kompensieren, empfehlen die Forscher ein großes Augenmerk auf die sogenannte Bürgerenergie zu richten. Bürger vor Ort sollten als Investoren und Unternehmer vor Ort bei Wartung und Aufbau besonders in die neue Energiegewinnung einbezogen werden. 

Laut der Studie würden bei der neuen Energiegewinnung mit sogenannter Bürgerenergie mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze vor Ort entstehen wie beim Energieumbau mit Investoren, die vor allem auch von außerhalb, also aus umliegenden Regionen kommen. "Es macht einen großen Unterschied, wie man diesen Ausbau angeht", sagt Prof. Hirschl vom IÖW. "Wenn er durch regional verwurzelte Akteure und im Bürgerenergie-Rahmen vorangetrieben wird, entstehen durch den Ausbau von Windenergie und Photovoltaik besonders viele Arbeitsplätze vor Ort". Auch liegt nach Berechnungen der Forscher die regionale Wertschöpfung dann deutlich höher, zum Beispiel durch dort anfallende Steuereinnahmen und durch die Stärkung der lokalen Wirtschaft aufgrund dort gezahlter Gehälter.

Braunkohle, Windkraft

Windkraft ersetzt Braunkohle: Mehr lokale Jobs und Steuereinnahmen soll es geben wenn viele Bürger Eigentümer werden.

Ängste überwinden

Während vor allem ländliche Regionen in Deutschland bisher von der Energiewende profitieren weil dort Unternehmer und Politiker die Vorteile durch neue Jobs, steigende Einkommen und Steuereinahmen erkannt haben, überwiegt in den Braunkohlerevieren oft noch die Sorge um den Jobverslust."Die Leute haben hier Angst", sagt Waldpädagoge Michael Zobel, der sich für ein schnelles Ende des Braunkohleabbaus und die damit verbundenen Landschaftszerstörung im Rheinland einsetzt. "Zunehmend werden aber auch die Chancen gesehen, der Wandel wird kommen", zeigt er sich überzeugt.

Themenseiten

Dies sieht auch Walter Mörsch so, Mitglied im Vorstand des Katholikenrates der Region Düren: "Die Akzeptanz der Braunkohle ist nicht mehr da. Wir wollen Lösungen, der Energiekonzern kann jetzt aus der Braunkohleverstromung hier aussteigen, das geht auch ohne Gesichtsverlust und die Natur wird so geschützt."

Verena Schlomer, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Dürener Stadtrat fordert schon seit langem einen Strukturentwicklungsplan für die rheinische Braunkohleregion: "Wohin wollen wir uns entwickeln? Darüber wurde schon vor 20 Jahren viel diskutiert, doch einen richtigen Plan für die ganze Region gibt es hier nicht."

"Es ist notwendig, dass wir aus der Kohle rausgehen, so schnell wie möglich", sagt auch Gewerkschaftsvertreter Reinhard Klopfleisch, hauptamtlicher Energieexperte bei der Gewerkschaft Ver.di. "Wir tragen den Ausstieg mit, Paris ist beschlossen, jetzt müssen wir die Bedingungen aushandeln". Dem Gewerkschaftvertreter ist es vor allem wichtig, dass der Energieumbau sozialverträglich organisiert wird. Er hat dabei vor allem die gut bezahlten Arbeitskräfte in der Braunkohleindustrie im Blick.

Braunkohletagebau Hambach Schaufelradbagger

22.000 Jobs gibt es in der Kohle, 326.000 bei den Erneuerbaren. Gewerkschaftlich organisiert sind vor allem Kohlekumpels.

Entscheidung nach der Wahl?

"Wir wollen die Ziele für den Klimaschutz natürlich so schnell und so konsequent wie möglich erreichen. Am Ende wollen wir von der Kohleverstromung unabhängig sein", sagte Josef Hovenjürgen, stellvertretender Vorsitzender der CDU Landtagsfraktion NRW, vor der Wahl im Bundesland NRW.  Auf dem Weg zur Klimaneutralität "erkennt die FDP die Chancen, die sich für die Wirtschaft mit ihrer kreativen mittelständischen Struktur ergeben und aus neuen Technologien", sagte vor der Wahl Ralf Witzel, stellvertretender Vorsitzende der FDP Landtagsfraktion gegenüber der DW.

CDU und FDP wollen nach der gewonnen NRW-Wahl die neue Landesregierung stellen und müssen sich entscheiden wie der Kohleausstieg gelingen soll. Auf ein genaues Ausstiegsdatum legten sie sich bisher nicht fest.

Experten rechnen mit Entscheidungen für den Kohleausstieg erst nach der Bundestagswahl im Herbst, eine Festlegung für den Ausstiegsfahrplan gilt vielen Politkern auch als riskant. 

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Grünen kritisiert diese Haltung, die Bundesregierung verschleppe so den notwendigen Prozess: "Damit verlieren wir wertvolle Zeit beim Klimaschutz und beim sozial-ökologischen Umbau unserer Energiewirtschaft", so Peter. "Je früher ein konkreter Ausstiegsfahrplan beschlossen wird, desto eher kann mit der aktiven Gestaltung des Strukturwandels begonnen werden", sagte sie im Interview mit dem Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR).

Wanderbaustelle

Braunkohle lagert wie hier im Hambacher Tagebau in Flözen (Schichten), 400 Meter tief unter Kies, Sand und Ton. Sie wird auf Förderbändern zu den umliegenden Kraftwerken transportiert und dort verstromt. Die Landschaft im Hintergrund wurde bereits mit Bäumen rekultiviert, um zumindest einen Teil des klimaschädlichen CO2 aufzunehmen. Die Region deckt 13 Prozent der Stromversorgung Deutschlands ab.

CO2-Ausstoß und Wirkungsgrad

Die Aschehalde des Braunkohlekraftwerks Weisweiler ist kaum zu übersehen. Moderne Kohlekraftwerke sind wenig effektiv. Sie erreichen einen Wirkungsgrad von 45 Prozent - 55 Prozent verpuffen bei der Verbrennung. Kritiker bemängeln außerdem die schlechte Treibhausgasbilanz.

Viel Rauch, viele Arbeitsplätze

Nach Angaben von RWE beschäftigt der Stromversorger 11.000 eigene Mitarbeiter im Rheinischen Revier. Der Branchenverband Braunkohleindustrie gibt für Gesamtdeutschland 21.406 Beschäftigte an. Laut Berechnungen der Industrie- und Handelskammer hängen an jedem Arbeitsplatz in der Braunkohleindustrie ungefähr 2,5 weitere in den Bereichen Dienstleistung und Zulieferung.

Verlust der Heimat

Der Preis der Braunkohleförderung für die Bewohner der Region ist hoch. Einerseits stehen viele Familien in Diensten der Energiekonzerne, andererseits werden Tausende Menschen auch in den nächsten Jahren ihre Heimat verlieren, damit die Stromgiganten Kohle fördern können. Dörfer werden zerstört, Gräber umgebettet - für die schmutzigste Art der Stromerzeugung.

Was vom Dorf übrig blieb

Das Dorf Lohn bei Eschweiler wurde abgebaggert. Die 690 Einwohner mussten ihre Häuser aufgeben. Sie wurden ins wenige Kilometer entfernte Neu-Lohn umgesiedelt. Zur Erinnerung wurde am Standort der alten Lohner Kirche eine Gedächtniskapelle gebaut. Aber manche Bewohner des Ortes schmerzt der Verlust der Heimat so sehr, dass sie nicht an die alte Stelle zurückkehren.

AusgeCO2hlt!

Immer wieder fordern Umweltschützer den Stopp der Bagger und den Ausstieg aus dem Landschafts- und Klimakiller Kohle. Doch RWE hat die Genehmigung, bis 2045 Braunkohle im Rheinischen Revier zu fördern. Und die Politik bleibt einen Fahrplan zum kompletten Kohleausstieg bis heute schuldig.

Ziviler Ungehorsam

Nicht Anwohner, sondern Umweltaktivisten aus der ganzen Republik besetzen den Hambacher Forst seit 2012 immer wieder, um gegen dessen Abholzung zu protestieren. Genauso häufig wird das Camp von der Polizei geräumt. Viel steht ohnehin nicht mehr von dem ursprünglich 5500 Hektar großen Wald. Das ökologisch wertvolle Gebiet soll dem Braunkohletagebau Hambach weichen.

Neuer Ackerboden entsteht

Die durch den Tagebau vernichteten Landwirtschaftsflächen werden durch Neuanpflanzungen kompensiert. Der ackerbauliche, fruchtbare Lössboden wird an anderer Stelle wieder aufgebracht. In einer siebenjährigen Aufbereitungszeit sät RWE dort Pionierpflanzen wie Luzerne. Die Pflanzen lockern den Boden auf und sorgen für eine Stickstoffanreicherung. Erst Jahre später übernehmen Landwirte die Äcker.

Umsiedlung

Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere müssen ihren Lebensraum verlassen - zum Einfangen von Molchen nutzen RWE-Biologen alte Farbeimer. Durch das große Loch gelangen die Amphibien ins Innere des Eimers. An einem anderen Ort werden Salamander und Co. dann wieder ausgesetzt.

Alles im Blick

Der Indenmann ist kein Verwandter des Steinzeitmenschen, sondern ein Aussichtsturm bei Inden/Düren an der Autobahn A4. Die 36 Meter hohe Stahlkonstruktion besteht aus 20.000 Einzelteilen, bei Nacht wird sie beleuchtet. Die Plattform ermöglicht einen Blick auf den Tagebau Inden und das Land im Wandel.

Für Bodenständige

Nicht schwindelfreie Besucher des Indenmannes können sich vom Restaurant der Abraumhalde Goltsteinkuppe einen Überblick über die gigantischen Landschaftsumwälzungen verschaffen. Am Horizont ist die kultivierte 300 Meter hohe Halde Sophienhöhe zu sehen - mit einem 100 Kilometer langen Wanderwegenetz. Kinderspielplätze und Sportanlagen sollen für den Verlust der Landschaft entschädigen.

Vision

Nichts für Nostalgiker ist der Platz an der Abbruchkante des Tagebaus Hambach. Hier soll bis 2100 der größte See Deutschlands entstehen. Die Flutung des Restlochs wird 60 Jahre dauern. Die Gegend soll eine Freizeitattraktion werden, den Tourismus ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen, wenn Jobs in der Bergbauindustrie wegfallen. Die ersten Sonnenplätze können schon eingenommen werden.

Die Alternative und die Unsicherheit

25 Prozent des Stroms kommt aus Kohlekraftwerken. Aber Braunkohle ist ein Auslaufmodell. Die Zeichen stehen auf alternative Energien wie Windkraft. Allerdings befürchten Kritiker Spätschäden - etwa Erdrutsche - auf den Gebieten der ehemaligen Tagebaue. Auch könnten Projekte nicht mehr realisiert werden, falls der Energiekonzern RWE kein Geld mehr mit Braunkohle verdient.

Mehr zum Thema