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Nutzen nach Olympia

Tilo Mahn14. August 2012

Wenn die Athleten ausziehen, kommt die große Leere. Londons Olympia-Planer sind bei der Suche nach einer nachhaltigen Nutzung ihres Olympischen Dorfes in München fündig geworden.

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Eine Sonnenecke vor einem im Haus liegenden Schwimmbad, aufgenommen 1972 im Quartier der deutschen Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele vom 26. August bis 11. September 1972 in München (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa

Als der britische Gesandte eines arabischen Investors im September 2011 nach München kam, hatte er eine fertige Version im Kopf. Unter dem Motto "transforming the heart of East London", sollte dem schmucklosen Stadtteil im Osten Londons, in dem das Olympiadorf steht, ein neues Gesicht gegeben werden. Dazu sollte ausgerechnet die bayerische Landeshauptstadt München Lösungen liefern. Denn in München, wo seit knapp 40 Jahren Mieter und Eigentümer, Studenten und Familien im olympischen Dorf Tür an Tür wohnen, hat sich eine Identifikation und ein Zusammenhalt entwickelt, der auch den englischen Olympia-Organisatoren nicht verborgen geblieben ist. So war es an James Watson herauszufinden, wie man ein ehemaliges Athletendorf attraktiv und lohnenswert für Investoren und Anwohner hält.

Mustersiedlung für die Zukunft

Seine Recherche führte ihn dorthin, wo sich nach den Spielen 1972 eine Initiative aus Bewohnern gegründet hatte, die das Leben im olympischen Dorf bis heute mit prägt: Die Einwohner-Interessen-Gemeinschaft (EIG). Als die ersten Anwohner 1973 ihre Wohnungen im ehemaligen Athletendorf bezogen, fanden sie eine Infrastruktur vor, die nicht nur für Sportler, sondern auch für junge Familien funktionierte: Trennung von Auto- und Fußverkehr, lärmarme Terrassenhäuser mit Grünanlagen und kurzen Wegen zu Geschäften, Ärzten und ins Zentrum. "Das war damals in. Das ist aber hier in einem so großen Maße verwirklicht worden, wie sonst eigentlich nirgends auf der Welt", sagt Ludger Korintenberg. Er ist 1975 ins olympische Dorf gezogen. Als Architekt hat er mitverfolgt, wie das olympische Dorf geplant wurde und entstanden ist. Überzeugt von der Idee eines sozialen Wohnraumes im Norden von München, geschützt vor Straßenlärm und mit eigener Infrastruktur, engagierte auch er sich bald in der EIG. Für eine "Mustersiedlung zwischen städtischen Gaskesseln und den Fabrikhallen der Bayerischen Motoren Werke (BMW)", wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" 1972 schrieb.

Durch das Sprachrohr der Anwohner

Das ehemalige Olympische Dorf der Sommerspiele von 1972 in München gesehen aus der Vogelperspektive vom Olympiaturm aus (Foto: dpa)
"Mustersiedlung zwischen städtischen Gaskesseln": Das ehemalige Olympisches Dorf in MünchenBild: picture-alliance/dpa

Die heutige Vorsitzende des Vereins, Manuela Feese-Zolotnitski, hat erst 1999 mit ihrer Familie eine Wohnung im olympischen Dorf eingerichtet. Nach den Protesten der Bewohner gegen Chemieabgase oder die Lackiererei von BMW. "Das war damals wahrscheinlich auch die Zeit der Studentenproteste. Man hat einfach mehr auf die soziologische Ecke Rücksicht genommen. Sogar Psychologen wurde bei der Planung bewusst mit eingeschaltet", sagt Manuela Feese-Zolotnitski. Wo heute ein Konsortium aus Architekten und Landschaftsarchitekten für die Bauplanung zusammenkommt, haben sich damals für die Umgestaltung des olympischen Dorfes Initiativen aus Anwohnern stark gemacht. Mit Entwürfen für Spielplätze, auf denen Kinder kreativ werden und mit den Spielgeräten lernen können, oder mit Gemeinschaftsräumen für die Anwohner. Neben der besonderen Bauweise des Dorfes war von Anfang an "enormes positives soziales Potential vorhanden", sagt Ludger Korintenberg.

Bis heute werden bei den jährlichen Treffen oder über Smalltalk Anliegen der Bewohner auf den Tisch gebracht, die die EIG eigenverantwortlich löst oder bei der Stadt vorträgt. "Wir sind immer auch auf die Stadt zugegangen mit all diesen Problemen, die ja auch städtische Probleme sind. Und wir haben auch versucht, Stadträte zu beeinflussen durch gezielte Information. Das hat auch zu Erfolgen geführt", erinnert sich Ludger Korintenberg. Auch durch persönliche Kontakte zu Bewohnern wie Thomas Vogel, Willi Daume oder der amtierenden stellvertretenden Bürgermeisterin, Christiane Strobl, hatten die Bewohner Möglichkeiten, das Leben im Dorf mitzubestimmen. Kulturvereine gründeten sich, Angebote für junge Mütter und kleine Kinder entstanden. Auch das Angebot an Geschäften und Dienstleistungen in der Ladenstraße will die EIG aufgreifen und besser auf die Bedürfnisse der Anwohner abstimmen. "Die EIG ist letztlich so etwas wie ein Sprachrohr. Wo man sich hinwendet, um noch mehr Gewicht zu kriegen", sagt Manuela Feese-Zolotnitski.

Ein organisches Dorf

Angehörige am Mahnmal im Olympischen Dorf der Opfer durch eine Kranzniederlegung (Foto: dpa)
"Geweihte Stätte": Angehörige gedenken den israelischen Sportlern am Mahnmal im Olympischen Dorf.Bild: picture-alliance/dpa

In den gut 1800 Appartements, verteilt auf Hochhäuser und Bungalows, leben die meisten Menschen seit Jahrzehnten. Monika Shah hat ihren bis dahin geliebten Münchner Stadtteil Haidhausen 1983 verlassen, um mit dem kleinen Sohn ins grüne Olympiadorf zu ziehen. "Speziell unsere direkten Nachbarn, die da schon wohnten und auch ein kleinen Jungen hatten, haben uns von Anfang an geduzt", erinnert sie sich. Die Rigipswände konnte Monika Shah zusammen mit ihrem indischen Mann problemlos rausreißen. Das Paar gestaltete sich seine Wohnung kindgerecht und nach eigenen Vorstellungen. Die Familie wohnt direkt gegenüber des Appartements, in dem am 5. September 1972 die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" im Quartier der israelischen Athleten das Attentat verübte. Vom Balkon aus kann Monika Shah heute mitverfolgen, wenn sich Gruppen vor der Gedenktafel am Attentatshaus sammeln. "Zu manchen Zeiten kommen auch israelische Gruppen. Die höre ich dann manchmal singen zum Gedenken. Für die ist das dann fast eine fast geweihte Stätte."

Seit knapp 20 Jahren lebt die Geschichtslehrerin mittlerweile im olympischen Dorf. Im Miteinander, das sie zu schätzen gelernt hat. "Andere Viertel in München sind nicht so ein organisches Ganzes wie das olympische Dorf. Das Ausschlaggebende ist, dass hier keine einzelnen Häuser sind, sondern ein Ganzes, wie ein großes Lebewesen. Das bringt auch die Leute noch mehr zusammen", sagt Ludger Korintenberg. Auch diese Erkenntnis hat James Watson von seinem Besuch in München mitgenommen. Dies helfe auch, den ursprünglichen Geist des Olympiadorfes zu bewahren, schreibt er nach seiner Rückkehr nach London im "Dorfboten", der Zeitung des Münchner Olympiadorfes. In Londons zukünftigem East Village verspricht der Investor seinen potentiellen Anwohnern in einer Pressemitteilung, dass "modernes und nachhaltiges Leben im Zentrum der neuen Nachbarschaft" stehen soll. Ein fertige Version, die James Watson in München gefunden hat.