Lebensart

Berlin ist schwule Hauptstadt & stolz darauf

Hier wird Schwulsein nicht nur zum Christopher Street Day offen demonstriert: In Berlin ist queeres Leben Alltag. Und das nicht erst seit heute: In Berlin wurde vor beinahe 150 Jahren "die Homosexualität" erfunden.

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Reportage: Homophobie im Fußball

"Ich bin schwul und das ist auch gut so!" Dieser Satz ist – zumindest in Deutschland – mittlerweile fast so bekannt wie John F. Kennedys Worte "Ich bin ein Berliner". Sein "Gay Pride"-Bekenntnis machte Klaus Wowereit 2001 berühmt - und kurz darauf auch zum Bürgermeister seiner Heimatstadt. Ein Beweis für das offene, tolerante Berlin, in dem jeder nach seiner Fasson glücklich werden darf? Vielleicht.

Zumindest stellt der offen schwule Bürgermeister Berlins - bald darauf folgte ein schwuler deutscher Außenminister - eine wichtige Wegmarke auf der langen Reise der homosexuellen Emanzipation in Deutschland dar. Und diese ist viel länger und bewegter als man denken könnte. Sie begann bereits im 19. Jahrhundert. Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum* Berlin mit dem Titel "Homosexualität_en". Kulturstaatsministerin Monika Grütters bezeichnete sie bereits als eine Einladung "zur Freiheit, lieben und leben zu lassen, wie es gute Berliner Tradition ist".

Teilnehmer beim Christopher Street Day 1998 in Berlin (Foto: Kristina Strauß)

Teilnehmer beim Christopher Street Day 1998 in Berlin

Es ist die erste große Ausstellung in Deutschland, die sich ganz der schwul-lesbischen Bürgerrechtsbewegung widmet. Wie passend, dass Deutschland gerade heftig über die sogenannte "Homo-Ehe" diskutiert, die hierzulande im Gegensatz zum katholischen Irland, immernoch nicht möglich ist. Aber dazu später.

Paragraph 175 - von 1872 bis 1994

Die Geschichte der Homosexualität in Deutschland beginnt im Deutschen Kaiserreich mit der Einführung des Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Damals als "Sodomiegesetz" bekannt und eine Übernahme der vormals preußischen Gesetzgebung, sollte er sich in unterschiedlicher Schärfe von 1872 bis 1994 halten. Die Ironie der Geschichte: "Gerade die Kriminalisierung hat dazu geführt, dass sich Widerstand bildete", sagt die Kuratorin der Ausstellung, Birgit Bosold. Es entstand eine Art Bürgerrechtsbewegung von Berlinern, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannte und gegen den Paragraphen protestierte. Deutsche Psychiater machten sich daran zu belegen, dass es sich bei Homosexuellen nicht um kriminelle Perverse handelte, sondern, dass die sexuelle Orientierung angeboren sei. Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld gilt als Pionier im Kampf für die Rechte von Homosexuellen. Er gründete 1897 das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee Berlin", mit dem er offen gegen die diskriminierende Gesetzgebung des Kaiserreichs ankämpfte.

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"Homage to Benglis" der kanadischen Performance-Künstlerin Heather Cassils

Von schwül zu schwul

Dies erzählt auch das vor Kurzem erschienene Buch von Robert Beachy "Das andere Berlin". Selbst der Begriff "schwul" sei, so Beachy, eine Berliner Erfindung. Er gehe auf das Wort "schwül" zurück und verweise auf die "warmen Brüder". So wurden in der deutschen Umgangssprache des 19. Jahrhunderts Männer bezeichnet, die Männer begehrten. Obwohl ursprünglich herabsetzend von der Polizei verwendet, wurde der Begriff von den Männern selbst übernommen.

Und auch der Begriff "Homosexualität" ist eine deutsche Erfindung. Er taucht erstmals 1868 in einem Pamphlet gegen das preußische Sodomiegesetz auf. Es ist eines der zentralen Dokumente, die in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gezeigt werden. Denn der Begriff, zusammengesetzt aus Latein und Griechisch, setzte sich als Bezeichnung für gleichgeschlechtliche erotische Liebe durch. Und das nicht nur im Deutschen, auch auf Englisch, Französisch, Italienisch und weiteren Sprachen wird der Begriff "homosexuell" bis heute in abgewandelter Form verwendet.

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts dann selbst der Hof von Kaiser Wilhelm II. von einem Sexskandal erwischt wurde, bei dem sich herausstellte, dass einige der engsten Berater und Freunde des Kaisers homo- oder bisexuell waren, galt die Stadt endgültig als europäisches Zentrum für schwule Männer. Das Berlin der 20er- und 30er-Jahre ist geradezu legendär. Trotz des bestehenden Paragraphen 175 hatte sich eine schwul-lesbische Szene in Berlin etabliert - mit etlichen Bars, Clubs, Theatern und Zeitschriften, die offen homosexuelle zur Zielgruppe hatten - inklusive Kontaktanzeigen. Etliche Kulturschaffende der Weimarer Republik machten aus ihrer Homosexualität keinen Hehl. "Berlin war in dieser Zeit sicherlich eine der liberalsten Städte der Welt", sagt Birgit Bosold vom Schwulen Museum*.

Die Zerstörung einer liberalen Kultur: der rosa Winkel

Die Nazis setzten dieser Kultur der Toleranz ein brutales Ende. Die Gesetzgebung wurde verschärft, schwule Männer nicht selten verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt. Insgesamt 50.000 Menschen wurden nach dem Paragraphen 175 verurteilt. In der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gibt es einen Raum, der rosa gestrichen ist - so wie der rosa Winkel, mit dem die Nationalsozialisten schwule Männern im Konzentrationslager markierten: ein Gedenkraum für die Männer und auch Frauen, die aufgrund ihrer Sexualität von den Nazis verfolgt wurden.

"Der Raum versucht auch deutlich zu machen, dass nicht allein die Verfolgung durch die Nazis schrecklich war, sondern auch, dass die Nichtanerkennung der Überlebenden nach dem Krieg weiterging." Noch in den 50er- und 60er-Jahren wurden schwule Männer von Nachbarn denunziert und von der Polizei verhaftet. Erst die 70er-Jahre brachten einen Wandel. Dies zeigt vor allem der Teil der Doppelausstellung, der nicht im DHM, sondern im Schwulen Museum* präsentiert wird - mit Arbeiten von Andy Warhol bis Louise Bourgeois.

Neben internationalen Künstlern waren es vor allem Wahlberliner wie der Filmemacher Rosa von Praunheim, die Berlin erneut zu einem Zentrum der queeren Lebensentwürfe machten. "Durch die Westberliner Insellage, hat sich hier eine extrem breite Subkultur ausgebreitet", sagt Kuratorin Birgit Bosold, "von der wir heute immernoch ein Stück weit profitieren. Berlin ist ein spezieller Ort. Die Dichte und die Vielfältigkeit von queerer Kultur, die es hier gibt, müssen sie auf der Welt schon suchen."

Ehe für alle?

Und doch: Berlin mag heute zwar wieder international den Ruf einer einzigartigen Subkultur haben. "Das Mutterland der homosexuellen Revolution", sagt Birgit Bosold, "hinkt heute hinterher". Der berüchtigte "Homosexuellenparagraph" wurde in der der Bundesrepublik erst 1994 abgeschafft. Die DDR war wenigstens etwas schneller und hatte ihn 1968 stark abgeschwächt und 1988 schließlich ganz gestrichen.

Seit 2001 gibt es auch das Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft. Die "Homo-Ehe", mit der auch eine Adoption von Kindern möglich wäre, gibt es noch nicht. Birgit Bosold ist zuversichtlich: "Ich halte das für eine Frage der Zeit - fünf Jahre maximal. Das wird kommen." Auch, wenn sie selbst nie heiraten wollte, für die volle Gleichberechtigung, müsse die Ehe für alle möglich sein.

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