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Das ABC der DDR: ein Glossar

9. November 2021

Von A wie Alfons Zitterbacke über B wie Bückware bis hin zu W wie Wartburg. Wir erinnern an fast Vergessenes und Skurriles aus dem DDR-Alltag.

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Symbolbild - Trabi
Kultauto der DDR: der TrabiBild: picture-alliance/dpa

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer - und wie beim Dominospiel stürzten nach der Deutschen Demokratischen Republik nach und nach auch die anderen kommunistischen Regime in Osteuropa. Es markierte das Ende des Ost-West-Konflikts und den Anfang eines vereinigten Deutschlands. Mit der DDR werden meist Begriffe wie "Mauer","Stasi", "Spitzel" und Diktatur assoziiert.

Doch die über 40-jährige Trennung Deutschlands in Ost und West, in DDR und BRD, machte sich auch im Alltag merkbar. Man schaute andere Shows im Fernsehen an, las andere Bücher und kreierte neue Wörter, die es im Westen nicht gab. Wir werfen einen Blick hinter den Eisernen Vorhang und hören uns mal an, welche Begriffe den Menschen in der DDR geläufig waren.

Die Liste ist nicht vollständig und soll dazu anregen, sich mit dem Alltag in der DDR zu beschäftigen. Inspiriert wurde sie durch das Buch "Von Alfons Zitterbacke bis Zonen-Gaby: Die DDR in Elf 99 Kapiteln".

Ein Filmstill von "Alfons Zitterbacke - chaotische Klassenfahrt" Zu sehen die Schauspieler Luis Vorbach als Alfons und Leopold Ferdinand Schill als Benny.
Der DDR-Kinderbuchklassiker wurde mehrfach verfilmt und ist inzwischen auch unter "West"-Kindern bekanntBild: Stefan Sauer/dpa/picture alliance

A wie Alfons Zitterbacke

Alfons Zitterbacke war eine beliebte Kinderbuchfigur. Der Pechvogel ist ein aufgeweckter, hilfsbereiter Junge voller Einfälle. So will er etwa 60 Eier verschlingen, damit er endlich einen starken Bizeps kriegt. Er träumt vom Weltraum und davon, nicht mehr wegen seines Namens gehänselt zu werden. Alfons bescherte den Kindern im Osten viele amüsante Geschichten - und den Eltern Stoff zum Nachdenken, ob Erziehung immer streng und gradlinig verlaufen muss.

B wie Bückware

Die Regale in den Läden in der DDR waren oft halbleer - und wenn mal neue Ware kam, standen die Menschen Schlange bis zur nächsten Kreuzung. Als Bückware bezeichnete man Produkte, die offiziell nicht vorhanden waren und nur ausgewählten Kunden ausgehändigt wurde, zum Beispiel Parteifunktionären, guten Freunden oder Klientel mit Westgeld. Dafür musste sich der Verkäufer sinnbildlich (oder auch tatsächlich) unter den Ladentisch bücken, um die Ware heimlich rauszuholen.

Centrum Warenhaus, Ostberlin Alexanderplatz
Das Centrum-Warenhaus 1983 in OstberlinBild: Jürgen Ritter/Imago Images

C wie Centrum

Das Centrum war eine Warenhauskette in der DDR. Das besondere Merkmal der Gebäude waren die rasterartigen, futuristischen Metallfassaden. Nach der Wende wurden die meisten Centrum-Warenhäuser von westdeutschen Unternehmen wie Kaufhof, Karstadt und Hertie übernommen. Die neuen Eigentümer rissen die markanten Fassaden in den meisten Fällen ab.

D wie "Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich"

Günter Schabowski war der Mann, der aus Versehen die Mauer öffnete. Als am 9. November 1989 gegen 18.00 Uhr eine Pressekonferenz beginnt, ahnt noch keiner, dass sich eine Stunde später Menschen aus Ost- und West-Berlin in die Arme fallen werden. Als Schabowski zu den neuen Reiseregelungen gefragt wird und etwas unsicher verlautbart, wann diese in Kraft treten sollen, wird der Satz zum schönsten Irrtum der DDR-Geschichte und zu einem der meistzitierten Sätze der Wendezeit.

Günter Schabowski auf der Pressekonferenz am 9.11.1989.
Günter Schabowksi auf der Pressekonferenz am 09.11.1989, die das Leben der DDR-Bürger für immer verändern sollte Bild: dpa/picture alliance

E wie Ein Kessel Buntes

Die Abendshow im DDR-Fernsehen war eine der beliebtesten Sendungen im Osten. Sie füllte ganze Stadthallen und garantierte gute Unterhaltung mit viel Glanz und Glamour. Die Stars der DDR, aber auch "West"-Gäste waren herzlich eingeladen. Wie der Titel verspricht, war die Unterhaltungsshow eine bunte Mischung aus Musik, Tanz und Kabarett.

F wie Freundschaft

Das Wort Freundschaft hatte in den sozialistischen Staaten eine sehr große Bedeutung. Da, wo das Kollektiv die maßgebliche Gesellschaftsform ist, wurde Freundschaft staatlich verordnet: Und so lautete auch der Gruß des kommunistischen Jugendverbands der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ), mit dem man sich zu Beginn einer FDJ-Versammlung begrüßte: "Ich begrüße euch mit dem Gruß der Freien Deutschen Jugend: Freundschaft!" oder kurz "FDJler: Freundschaft!" - und natürlich lautete die korrekte Antwort ebenfalls: "Freundschaft."

Verstreute Metall-Buchstaben
Wissen Sie, wofür ABI, BGL, DAW, EOS und HFF steht ...?Bild: A. Rubtsov/ImageBroker/picture alliance

G wie GD, GHB und GSSD

Es wurde gern und viel abgekürzt, nicht nur in der DDR - der Buchstabensalat war in einigen Ostblock-Ländern fast ein Markenzeichen der Sprache. So wusste jeder, was mit "GenSek" gemeint war, nämlich der Generalsekretär. Doch einige spezielle Abkürzungen sorgten für Fragezeichen. Wir klären auf: GD steht für Generaldirektor, GHB für Großhandelsbetriebe und GSSD für die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in der DDR.

H wie Hoheneck

Hoheneck war das berühmteste Frauengefängnis der DDR. Die Haftbedingungen waren demütigend und hart. Ein Drittel der Frauen saß aus politischen Gründen ein. Die Insassinnen wurden zur Arbeit gezwungen, unter anderem in der Gefängnis-Näherei. Schon zu NS-Zeiten wurde die Burg Hoheneck im Erzgebirge als Haftanstalt genutzt. Seit 2015 ist das ehemalige Gefängnis eine Gedenkstätte.

Menschen stehen vor einer Intershop-Filiale in Ostberlin
In Ostberlin in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße öffnete der erste IntershopBild: picture-alliance/dpa

I wie Intershop

"Intershop" nannte sich eine DDR-Einzelhandelskette, in der man jedoch nicht mit DDR-Geld bezahlen konnte, sondern nur mit Fremdwährung. Bis 1974 war es den DDR-Bürgern offiziell verboten, Westgeld wie US-Dollar oder Deutsche Westmark zu besitzen, die Zielgruppen waren daher anfangs Transitreisende oder Besucher aus dem westlichen Ausland. Aber auch nach 1974 hatten viele DDR-Bürger nur einen begrenzten Einblick in das Warenangebot der Intershops.

J wie Jahresendflügelfigur 

Die ungewöhnliche Wortschöpfung ist die Umschreibung für ganz gewöhnliche Weihnachtsengel - doch religiöse Bezüge zum Weihnachtsfest sollten vermieden werden. Die Engel wurden im Erzgebirge aus Holz geschnitzt und erleuchteten in der Winterzeit die Wohnzimmer. Sie waren ein Exportschlager - und deswegen in den heimischen Läden eher eine Mangelware. Ob der Begriff tatsächlich offizieller "DDR-Sprech" war oder nur ironisch verwendet wurde, ist bis heute nicht geklärt.  

Sigmund Jähn in Kosmonauten-Anzug
Der DDR-Bürger Sigmund Jähn flog als erster Deutscher ins AllBild: dpa/picture-alliance

K wie Kosmonauten

Der Wettstreit der Systeme im Kalten Krieg erstreckte sich auch auf den Weltraum. Das rückte die Raumfahrt wie nie zuvor auch ins Interesse der Bevölkerung . Und die DDR hatte ihren eigenen Helden. Sein Name: Sigmund Jähn. Der Kosmonaut flog am 26. August 1978 in der sowjetischen Raumkapsel Sojus zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. Der Flug, bei dem er zahlreiche Experimente durchführte, dauerte fast acht Tage. Begeisterung erweckte die im All stattfindende Puppenhochzeit zwischen dem DDR-Sandmännchen und der populären Kinderfigur Mascha aus der Zeichentrickserie "Mascha und der Bär", die sein sowjetischer Kollege auf den Flug ins All mitgebracht hatte.

R wie rübermachen

Bevor 1961 die Berliner Mauer errichtet wurde und die Grenzen mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen gesichert wurden, konnten BRD- und DDR-Bürger die Grenze überqueren. Danach wurde es fast unmöglich: Besuche wurden nur in seltenen Fällen genehmigt, die Trennung zwischen Ost und West war endgültig zementiert. Doch damit wollten sich einige DDR-Bürger nicht abfinden. Sie versuchten, unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens zu flüchten. Viele starben dabei oder wurden getötet. Das Wort "rübermachen" steht für den Wunsch, dem kommunistischen Regime zu entkommen und die langersehnte Freiheit im Westen zu suchen.

Die zwei Sandmann-Figuren nebeneinander
Seit mehr als 60 Jahren streut das Ost-Sandmännchen (links) seinen Schlafsand - der West-Kollege (rechts) ging in RenteBild: picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst

S wie Sandmännchen

Einen Wettstreit gab es nicht nur in der Raumfahrt, sondern auch zwischen den Sandmännchen. Am 22. November 1959 ging das Ost-Sandmännchen zum ersten Mal auf Sendung. Das West-Sandmännchen folgte erst drei Jahre später. So manche Ost-Errungenschaften wurden nach dem Fall der Berliner Mauer schnell vergessen. Doch das Sandmännchen ist der eindeutige Wende-Gewinner und bringt heute noch unsere Kinder ins Bett.

U wie urst

Cringe, Digga und sheesh wurden dieses Jahr für das Jugendwort des Jahres nominiert. Der eindeutige Gewinner war "cringe". Gäbe es die DDR noch, wäre das Wort "urst" vielleicht auch auf der Jugendwort-Liste gelandet. Es gehörte (und gehört zum Teil immer noch) zum Wortschatz der Jugendlichen und bedeutet soviel wie "geil, toll".

Ein Wartburg von hinten  - mit dem Länderzeichen DDR
Wartburg: Vom Traumauto zum Kult-ObjektBild: picture-alliance/dpa/P. Pleul

W wie Wartburg

Nein, nicht die Wartburg bei Eisenach, auf der Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, ist gemeint. Unser Wartburg prägte gemeinsam mit dem Trabant - liebevoll "Trabi" genannt - das Straßenbild der DDR, bis 1991 die Produktion der Autos gestoppt wurde. Heute sind die betagten Gefährten eine Rarität und werden inzwischen als Oldtimer gehandelt. Der Wartburg war eines der wenigen Statussymbole der DDR, bis zu 15 Jahre musste man auf das Auto aus Eisenach warten. Der DDR-Bürger war geduldig, schließlich lautete die Devise: "Wartburg fahren, das ist Kult, wer keinen hat, ist selber schuld."

"Von Alfons Zitterbacke bis Zonen-Gaby: Die DDR in Elf 99 Kapiteln" ist erschienen im Verlag Edition Noack & Block, Berlin 2021.

DW Mitarbeiterportrait | Rayna Breuer
Rayna Breuer Multimediajournalistin und Redakteurin