1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Warum lassen sich viele nicht impfen?

9. Juli 2021

Mit der zunehmenden COVID-Impfrate steigt auch der Anteil an Impfunwilligen wieder. Sie stoßen oftmals auf harsche Kritik und Unverständnis. Woher kommen ihre Zweifel und wie argumentieren sie?

https://p.dw.com/p/3w9l7
Corona-Krise könnte Impfbereitschaft fördern
COVID-Impfung? Nein, danke! Aber warum?Bild: picture-alliance/dpa/C. Schmidt

"Nein, keine Fotos, keine Namen! Ich möchte nicht als Spinner oder Verschwörungstheoretiker angemacht werden. Ich will mich einfach nur nicht impfen lassen!"

Klare Ansage, in Ordnung. Dann nenne ich die beiden in diesem Artikel Richard und Susanne. Ich treffe das Pärchen in einem Park in der Kölner Peripherie. Er arbeitet in der Verpackungsindustrie, sie in der Verwaltung eines Krankenhauses. Beide sind Mitte 50, gehören also eigentlich schon fast zur Risikogruppe, denke ich.

Wir treffen uns, weil ich wissen möchte, warum sie sich nicht impfen lassen wollen. Ich selbst bin genesen und geimpft. Seit Beginn der Pandemie habe ich sehr viel über das Virus und die Impfstoffe geschrieben und ich frage mich, woher ihre Zweifel kommen. Wie informieren sie sich und wie argumentieren sie?

Zweifler werden mehr

"Wissen Sie, ich finde, eine Impfung ist ein sehr schwerwiegender Eingriff in meinen Körper. Diese Entscheidung sollte jeder für sich treffen. Und nur weil man sich nicht impfen lassen will, ist man nicht gleich verantwortungslos oder lebensmüde", beginnt Richard. Die beiden nicken sich gegenseitig zu.

Das Pärchen ist mit seinen Vorbehalten nicht allein: Zwar ist in Deutschland inzwischen mehr als jeder Dritte (38,9 Prozent) vollständig geimpft und mehr als die Hälfte (56,5 Prozent) hat bereits mindestens eine Impfdosis erhalten. Doch das Impftempo lässt nach.

Jemand hält auf einer Corona-Demo ein Schild mit der Aufschrift "Spinner" hoch
"Wenn man sich nicht impfen lassen will, ist man nicht gleich verrückt oder lebensmüde.“Bild: picture-alliance/D. Kubirski

Als Impfgegner würden sich Richard und Susanne nicht bezeichnen. Als Kinder haben sie die üblichen Schutzimpfungen bekommen. Aber den jetzigen Impfstoffen vertrauen sie nicht wirklich. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis stoßen sie damit vor allem auf Ablehnung und Unverständnis. "Durch ihre Impfung halten die sich für unsterblich. Dabei könnten die sich ja trotz Impfung immer noch anstecken", empört sich Susanne.

Kalkulierbares Risiko?

Aber eine Impfung senkt das Risiko eines schweren Verlaufs, gebe ich zu bedenken. "Mag sein, aber das ist letztlich eine Abwägung von Nutzen und Risiken. Natürlich kann man sich immer irgendwo mit irgendwas anstecken, aber selbst wenn: Ich kenne schon einige Kollegen oder Bekannte, die an COVID erkrankt waren, aber entweder hatten sie nur schwache Symptome, oder es war so ähnlich wie bei der normalen Grippe", erzählt Richard.

Susanne springt ihm bei: "Klar hört man in den Medien von schwersten Verläufen oder Todesfällen. Dass 'Menschen an oder mit COVID verstorben sind'. Aber wenn man dann nachfragt, wie alt die Person denn eigentlich war, kommt raus, dass sie schon 87 oder so war. Mich überzeugt das nicht wirklich, dass ich mich auch impfen lassen sollte."

Das Statistische Bundesamt verzeichnet für das Jahr 2020 etwa 36.300 Corona-Tote in Deutschland. In rund 30.100 Fällen war COVID-19 die Todesursache, in weiteren 6.200 Fällen war es eine Begleiterkrankung, heißt es im jüngsten Bericht des Statistischen Bundesamtes. Viele der in Deutschland am SARS-Virus Verstorbenen sind tatsächlich hochbetagt - aber eben nicht alle.

"Lügenpresse-Plakat" bei einer Querdenken Demonstration in Frankfurt
"Lügenpresse ist ein echt widerlicher Begriff aus der rechten Ecke. Ich finde, 'Systemmedien' trifft es eher"Bild: Daniel Kubirski/picture alliance

Es komme ja auch immer auf die jeweilige Lebenssituation an, sagen Richard und Susanne. "Wissen Sie, wir leben nicht in der Stadt, wir gehen nicht in irgendwelche Clubs und fallen auch nicht jedem bei der Begrüßung gleich um den Hals. Ich glaube, dass das Infektionsrisiko bei uns kalkulierbar ist."

Cosmo-Befragung nennt Gründe

Laut einer aktuellen Befragung des Cosmo-Projekts der Universität Erfurt, dem RKI und weiteren Forschungseinrichtungen geht die Impfbereitschaft der Deutschen zurück. Befragt wurden bundesweit 1011 Personen. Nur noch 41 Prozent von ihnen wollen sich impfen lassen - deutlich weniger als Anfang Juni, als der Wert noch bei 57 Prozent lag.

Dabei ähnelten sich die Gründe laut Befragung sehr: So sei das Bedürfnis nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung unter den Ungeimpften hoch. Zudem sei das Vertrauen in die Impfung zuletzt deutlich gesunken. Wer mehr abwäge und weniger Vertrauen habe, lasse sich seltener impfen.

Gleichzeitig glaubten viele, dass man sich nicht impfen lassen muss, wenn es viele andere tun. Letztlich stelle COVID-19 keine wirkliche Bedrohung dar.

Ähnlich argumentiert auch Susanne: "Wer besorgt ist, soll sich halt impfen lassen. Außerdem sind ja inzwischen schon sehr viele geimpft, dadurch ist doch die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass ich mich infiziere."

Zerrbild in den Medien?

Nach Ansicht des Paares werden die Gefahren durch das neue Coronavirus in den Medien sehr aufgebauscht. "Man hört immer nur die gleichen Experten, immer nur die gleiche Meinung. Zum Beispiel zur Delta-Variante. Es mag ja stimmen, dass diese Mutation ansteckender geworden ist, aber das bedeutet noch lange nicht, dass es deshalb auch schlimmere Verläufe oder mehr Todesfälle gibt", argumentiert Richard.

Indien Patient mit Corona-Infektion und zusätzlicher Pilzinfektion "Black Fungus"
Einige indische Patienten hatten neben der Corona-Infektion auch noch eine schwere PilzinfektionBild: Uma Shankar Mishra/AFP/Getty Images

"Natürlich waren die Bilder aus Indien schockierend, aber ist das wirklich vergleichbar? Schauen Sie sich doch mal die hygienischen Verhältnisse dort an oder in welch schlechtem Zustand die Krankenhäuser sind! Da führt wahrscheinlich fast jede Krankheit oder Seuche gleich zu einer Katastrophe. Aber das sieht hierzulande doch ganz anders aus", meint Richard.

"Wer nicht ins System passt, kriegt schnell den Alu-Hut"

Sind die zwei der Meinung, dass die Medien die Pandemie also übertrieben darstellen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? "Auf jeden Fall!", ist sich Richard sicher. "Ich würde hier nicht von 'Lügenpresse' reden, das ist ein echt widerlicher Begriff aus der rechten Ecke. Ich finde 'Systemmedien' trifft es eher, denn es gibt schon eine sehr einseitige Art, wie Impfunwillige wie ich dargestellt werden. Wenn man sich nicht impfen lassen will, also nicht ins System passt, dann kriegt man schnell einen Alu-Hut aufgesetzt. Mir fehlt einfach in der Berichterstattung die kritische Distanz. Wir schauen und lesen das einfach nicht mehr", sagt Richard trotzig. 

Ein Mann trägt während einer Protestkundgebung einen Aluhut mit der Aufschrift "Verschwörungstheoretiker"
Werden Impfunwillige in den Medien pauschal diffamiert oder undifferenziert dargestellt?Bild: picture-alliance/dpa/S. Gollnow

Widersprüchliche Aussagen, wenig überzeugend

Susanne führt den Gedanken weiter. "Nehmen Sie mal den Hickhack um AstraZeneca, da gab es innerhalb weniger Wochen total widersprüchliche Aussagen, wer in welchem Abstand geimpft werden sollte. Oder nehmen Sie das Thema Kreuzimpfung. Am Anfang war die STIKO (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) total dagegen, Impfstoffe zu kombinieren, jetzt ist es auf einmal das Mittel der Wahl. Oder die Impfung für Kinder: Da werden nur ein paar hundert Kinder geimpft und daraus folgert die amerikanische Arzneimittelbehörde, dass Kinder und Jugendliche ruhig geimpft werden können. Einige europäische Länder sehen das auch so, aber die deutsche STIKO hält das für riskant. Und das nennt man 'wissenschaftlich fundiert'?"

Das Pärchen ist aufgewühlt, spielt sich die Argumente gegenseitig zu. "Oder die Debatte um die sogenannte Herdenimmunität. Zuerst sagte die STIKO, dass dafür etwa 60 % geimpft werden müssten. Mittlerweile sind sie bei 85 % angelangt. Gleichzeitig wollen sie aber nicht, dass Kinder und Jugendliche geimpft werden. Ja was denn nun? Wie wollen die denn so die 85 Prozent erreichen? Also für mich verhält sich die Ständige Impfkommission total widersprüchlich und nicht überzeugend."

Tatsächlich betonte dasRobert-Koch-Institut (RKI) in einem aktuellen Papier, dass zwischen 85 und 90 % der Bevölkerung ab 12 Jahren geimpft sein müssen, um eine vierte Welle zu verhindern.

Impfen als patriotische Pflicht?

Man merkt den beiden an, dass sie sich schon oft mit Vorwürfen oder Kritik auseinandergesetzt haben. "Mit Sicherheit haben wir uns mit der Thematik intensiver auseinander gesetzt als mancher, der sich einfach so gutgläubig eine Spritze geben lässt", so Susanne.

 USA Washington DC | Unabhängigkeitsfeier
Beim diesjährigen Independence Day bezeichnete US-Präsident Biden Impfen als patriotische PflichtBild: Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Laut der Cosmo-Befragung lassen sich Menschen eher impfen, wenn sie überzeugt sind, dadurch auch andere zu schützen. Als ich das Pärchen darauf anspreche, dass sie nicht nur sich, sondern auch andere gefährden, sieht mich Richard skeptisch an. "Ja? Ist das wirklich so? Bin ich wirklich asozial, nur weil ich mich nicht impfen lassen will? Oder wie jetzt der US-Präsident gesagt hat: Impfen sei eine patriotische Pflicht. Was für ein Schwachsinn!"

Impfpflicht durch die Hintertür?

Ob sie sich ärgern, dass sie vielleicht künftig nur noch mit einem Impfnachweis zu bestimmten Veranstaltungen dürfen oder in Urlaub fliegen dürfen, frage ich das Pärchen. Beide ziehen fast gleichzeitig die Augenbrauen hoch. "Ich finde das schon krass unfair, denn eigentlich ist es ja praktisch die Einführung der Impfpflicht durch die Hintertür, auch wenn die Bundesregierung das immer bestritten hat. Aber für uns ist das nicht so wichtig, dann gehen wir eben nicht zu diesen Veranstaltungen und fahren mit dem Auto in den Urlaub", sagt Susanne trotzig.

Deutschland Köln Coronavirus Demo von Corona-Leugnern
Laut Bundesregierung soll es in Deutschland keine allgemeine Corona-Impfpflicht gebenBild: Geisler-Fotopress/picture alliance

Um die Impfquote unter Erwachsenen zu steigern, empfehlen die Cosmo-Experten, Barrieren abzubauen - etwa durch Impfungen direkt am Arbeitsplatz und im Bildungssektor. So könnten "große Gruppen mit vielen Kontakten erreicht werden und der Aufwand, an eine Impfung zu kommen, wird drastisch reduziert", heißt es im Bericht.

Impfung als Jobvoraussetzung?

Als ich Richard und Susanne darauf anspreche, dass Arbeitgeber eine Impfung womöglich zur Pflicht erklären könnten, werden die beiden sehr nachdenklich. "Das ist schon ein Problem", räumt Susanne ein, "denn inzwischen kann man sich auch über unseren Arbeitgeber impfen lassen. Nicht alle wollen das, aber es kann schon sein, dass seine Firma oder unser Krankenhausbetreiber eine Impfung fordert. Und wenn man sich nicht impfen lassen will, haben Sie vielleicht einen Grund, um einem zu kündigen oder den Vertrag nicht zu verlängern. In Russland ist das schon so. Hier wäre das rechtlich wahrscheinlich nicht okay, aber möglich wäre es schon."

Wir schweigen eine Weile, beobachten die Menschen im Park, die sich ungewohnt unbefangen über die zurückgewonnene Normalität freuen. 

"Bleiben Sie gesund", wünsche ich den beiden zum Abschied. Das Pärchen nickt mir gequält zu. "Sie auch! Und stellen Sie uns bitte nicht als Spinner dar. Wir finden einfach, dass jeder für sich entscheiden sollte, ob er sich impfen lassen will oder nicht. Das ist unsere Entscheidung, unser Risiko, das kann man doch einfach mal akzeptieren."

Ich lasse die beiden im Park zurück und frage mich auf dem Rückweg, ob oder wie ich sie hätte umstimmen können? Ob mich ihr Impfstatus überhaupt etwas angeht oder ob sie es tatsächlich selber entscheiden müssen?

Durch das Gespräch verstehe ich, dass sie sich vor allem über verwirrende Mitteilungen etwa zu den Impfstoffen oder undifferenzierte Berichte geärgert und verunsichert gefühlt haben.

Ihre Argumente kann ich allerdings oftmals nicht nachvollziehen. Meine Einwände scheinen sie wohl auch nicht überzeugt zu haben. Und so bleibt ein diffuses Gefühl der Verständnislosigkeit - vermutlich auf beiden Seiten.  

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund