Ewiger Hoffnungsträger Indien?

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18.03.2019

US-Handel mit Indien

Indiens Aufstieg geht weiter, aber das Tempo der Öffnung des riesigen Marktes braucht seine Zeit. Auch unter dem wirtschaftsfreundlichen Premier Modi wachsen die Bäume für ausländische Unternehmen nicht in den Himmel.

"Make in India", "Skill India", "Digital India" - das sind nur drei der ehrgeizigen Programme, die Narendra Modi nach seinem Amtsantritt vor fünf Jahren aus der Taufe gehoben hat. Nach dem Wahlsieg seiner Hindu-Partei BJP versprach der frischgebackene indische Premierminister eine ganz neue Ära für sein Land. Viele Wähler hatten Modi 2014 ihre Stimme gegeben, weil er als wirtschaftspolitischer Macher galt. In seiner Zeit als Regierungschef von Gujarat zwischen 2001 und 2014 war der Bundesstaat an der Westküste zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten in ganz Indien geworden.

Auch die deutsche Wirtschaft blickte damals voller Erwartungen nach Indien und hoffte auf ein ähnliches Wirtschaftswunder wie in China. Doch fünf Jahre nach Modis Amtsantritt ist klar, dass Indien und das Reich der Mitte nur schwer zu vergleichen sind. "Die Hoffnung deutscher Wirtschaftsvertreter, Indien könnte als Exportmarkt und Wirtschaftspartner eine ähnliche Dynamik entwickeln wie China seit den 1990er Jahren, hat sich nicht erfüllt", sagt Wolfgang-Peter Zingel vom Südasien-Institut der Universität Heidelberg im Interview mit der DW.

Indien habe China zwar mittlerweile beim Wirtschaftswachstum überflügelt, starte aber von einer viel niedrigeren Basis. Im Bereich des Waren produzierenden Gewerbes liegen immer noch Welten zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. "Die Wertschöpfung im Waren produzierenden Gewerbe lag 2017 in China bei 3,6 Billionen US-Dollar, in Indien bei 392 Milliarden US-Dollar. Das ist das Neunfache!"

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Chinas Handelsvolumen ist fünfmal so groß

Nach Angaben der Weltbank hatte der Warenhandel Chinas 2017 einen Umfang von 2,3 Billionen US-Dollar bei den Exporten und 1,8 Billionen US-Dollar bei den Importen. In Indien liegen die Vergleichswerte bei gerade einmal 298 Milliarden US-Dollar und 447 Milliarden US-Dollar. "Damit ist der Warenhandel Chinas mehr als fünfmal so groß wie der Indiens, bei hohen Exportüberschüssen Chinas und - relativ gesehen - noch höheren Defiziten Indiens", gibt Südasien-Experte Zingel zu bedenken.

Dass ausländische Unternehmen einen langen Atem für ein Engagement in Indien brauchen, hat Bernhard Steinrücke immer wieder betont. "Indien kann man nicht am Nachmittag bearbeiten. Man muss das Land als strategischen Markt betrachten und gutes Personal sowie viel Zeit investieren", hatte der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai bereits vor zehn Jahren gegenüber dem "Handelsblatt" betont. Die indische Wirtschaft ist seit 2009 zwar weiter rasant gewachsen, doch einen ähnlichen Aufstieg wie China hat Indien nicht erlebt.

Kein umfassendes Konzept

Haben die Kritiker also Recht, die behaupten, Indien sei der ewige Hoffnungsträger - ein Land, dass anders als China sein enormes wirtschaftliches Entwicklungspotential nicht ausschöpft und unter seinen Möglichkeiten bleibt?

"Ob das Land hinter seinen Möglichkeiten hinterher bleibt, hängt von der Einschätzung der Möglichkeiten ab. Ein umfassendes Konzept sowie der Wille und die Möglichkeiten der Durchsetzung eines solchen Konzepts fehlen", sagt Südasien-Experte Zingel.

China und die USA bleiben für die indische Regierung das Maß aller Dinge, der Aufstieg zu einer der größten Volkswirtschaften ist für die Entscheider in Neu-Delhi nur noch eine Frage der Zeit. Erst Anfang April hat Indiens Finanzminister Arun Jaitley - bereits voll im Wahlkamp-Modus der BJP - wieder die glänzende Zukunft Indiens herauf beschworen: 2030 würde das Land mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 10 Billionen US-Dollar zur drittgrößten Wirtschaftsmacht hinter den USA und China aufsteigen. Aktueller Wert laut Jaitly: Rund 2,9 Billionen.

Außerdem, so der Finanzminister, werde man die Zahl der Inder, die in bitterer Armut leben, in den nächsten drei Jahren auf einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von unter 15 Prozent drücken. Und in den zehn Jahren danach sogar auf einen "überschaubaren Wert" reduzieren, so Jaitly. Millionen neuer Jobs würden entstehen.

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Aufschwung ohne Jobwunder

Der BJP-Finanzminister weiß, dass er seine Wähler auf eine glänzende Zukunft vertrösten muss, nachdem die Regierung Modi die hohen Erwartungen auf dem Arbeitsmarkt enttäuscht hat.

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Die deutschen Unternehmen sind dennoch zufrieden mit dem wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung Modi, unterstreicht Bernhard Steinrücke. "Die Resonanz der deutschen Unternehmen auf die Reformen der Regierung Modi ist grundsätzlich positiv. Die Generalüberholung des Steuersystems wurde, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, als eine Verbesserung wahrgenommen, die weitere Effizienzsteigerungen zulässt."

Laut Außenhandelskammer-Chef Steinrücke beschäftigen alleine die 30 größten deutschen Unternehmen in Indien direkt und indirekt mehr als eine halbe Million Menschen. Die Mehrzahl der Firmen sei hoch profitabel und das "hervorragende Image von 'Made in Germany' ungebrochen".

Doch, auch wenn Modi wiedergewählt wird: Einen langen Atem müssen ausländische Unternehmen auch in Zukunft haben. Denn jede weitere Marktöffnung braucht in Indien ihre Zeit und wird in manchen Branchen noch sehr lange dauern. Für Wolfgang-Peter Zingel steht fest: "Modis Ziele sind klar: teilweise marktorientiert, nicht zu liberal und mit einer soliden Rolle für staatliche Unternehmen."

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