Kohleausstieg: Sachverständigenrat rät Bundesregierung zur Eile

Derzeit berät die Regierungskommission über das Tempo des Kohleausstiegs. Laut Klimaforschern muss der Ausstieg jedoch zügig umgesetzt werden, damit Deutschland seinen Anteil am Zwei-Grad-Ziel noch einhalten kann.

Klimaforscher drängen auf einen zügigeren Kohleausstieg. Zumindest dann, wenn sich Deutschland seinen Klimazielen noch verpflichtet fühlt.

Natur und Umwelt | 15.10.2018

Wie die Erderwärmung funktioniert, ist reine Physik: Klimagase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas reichern sich in der Erdatmosphäre an und sorgen dafür, dass weniger Wärmestrahlung ins Weltall entweicht. Die Erde heizt sich somit auf.

Das wichtigste Treibhausgas ist Kohlendioxid (CO2) und dies baut sich in der Atmosphäre nicht ab. Um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, vorzugsweise auf unter 1,5 Grad, beschloss die Weltgemeinschaft das UN-Klimaabkommen, 2016 trat es in Kraft. Darin verpflichten sich die Staaten, ihre Treibhausgasemissionen schnellstmöglich zu senken, damit die gesetzten Klimaziele noch erreicht werden können.

Nicht mehr viel Platz für CO2 in der Atmosphäre

Klimaphysikern ist inzwischen weitgehend bekannt wie viel CO2 und andere Klimagase die Atmosphäre insgesamt noch aufnehmen kann, damit die Erdtemperatur wahrscheinlich nicht über zwei Grad oder 1,5 Grad Celsius steigt.

Natur und Umwelt | 02.11.2018

Aus dieser errechneten Restmenge ergibt sich das sogenannte CO2-Budget, das der Weltgemeinschaft noch bleibt. Wird das verbleibende CO2-Budget in der Atmosphäre überschritten, so heizt sich die Erde über zwei Grad auf - mit verheerenden Folgen für die gesamte Menschheit. Die ersten Anzeichen vom Klimawandel werden derzeit bei einem Grad Erderwärmung schon spürbar.

Wie viel CO2 darf Deutschland noch emitieren?

Um die Erderwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent auf zwei Grad zu begrenzen, bleibt laut Sachverständigenrat der Bundesregierung (SRU) heute noch ein weltweites Restbudget von rund 700 Milliarden Tonnen CO2. Zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels ist das verbleibende Restbudget schon viel stärker begrenzt und liegt laut SRU bei nur noch rund 140 Milliarden Tonnen CO2. 

Bei der Stromerzeugung mit Braunkohle wird besonders viel CO2 freigesetzt

Der SRU rechnete anhand von Bevölkerungszahlen aus, wie viel CO2 Deutschland laut Klimaabkommen in den nächsten Jahrzehnten maximal noch in die Erdatmosphäre einbringen darf, damit das Zwei-Grad-Ziel nicht überschritten wird. Die historischen Emissionen von Deutschland berücksichtigte der Sachverständigenrat bei den Berechnungen nicht.

Insgesamt verbleibt demnach für Deutschland ab 2019 noch ein Restbudget von rund 6,6 Milliarden Tonnen CO2 in den kommenden Jahrzehnten. Emittiert Deutschland die gleiche Menge CO2 wie bisher, so wäre dieses Budget schon in sieben Jahren aufgebraucht.

Kohleausstieg muss zügig umgesetzt werden

Aus dem deutschen CO2-Budget errechnete der SRU auch das Restbudget für die Kohlekraft. "Damit Deutschland einen angemessenen Beitrag zu den globalen Klimazielen leisten kann, dürfen die Gesamtemissionen der Kohleverstromung in Deutschland bis zum endgültigen Ausstieg 1,5 Milliarden Tonnen CO2 (ab 1. Januar 2017) nicht überschreiten", sagt SRU-Mitglied Prof. Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Durch die anhaltend hohe Kohleverstromung reduziert sich somit das verbleibende CO2-Budget für die Kohlekraft ab 2019 auf nur noch eine Milliarde Tonnen CO2. Bliebe die Kohlekraft wie bisher geplant weiter am Netz (business as usual), wäre das verbleibende Budget für die Kohlekraft somit schon Ende 2023 komplett aufgebraucht (siehe Grafik). Den Mitgliedern der Kohlekommission hatte Lucht die Zusammenhänge zwischen Zwei-Grad-Ziel und Kohleausstieg am Dienstag (18. September) erklärt.

Infografik Wie viel CO2 darf Kohlekraft für 2-Grad-Ziel noch ausstossen? DE

Der Sachverständigenrat empfiehlt der Bundesregierung  jetzt möglichst schnell mit dem Kohleausstieg zu beginnen. Dies würde die Kosten senken und gebe allen Beteiligten mehr Zeit, erklärt Ratsmitglied Prof. Claudia Kemfert. "Wenn wir jetzt zügig die ältesten und ineffizientesten Anlagen vom Markt nehmen, können wir die restlichen Kohlekraftwerke länger laufen lassen und damit Kosten senken sowie die Versorgungssicherheit erhöhen."

Energieökonomin Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat Pfade für den Kohleausstieg errechnet und bezeichnet diese, wie andere Forscher auch, als technisch machbar und "wirtschaftlich vorteilhaft". Die hohen Schäden, die durch die Kohleverstromung der Volkswirtschaft entstehen, ließen sich so erheblich reduzieren.

Darüber hinaus könnte laut DIW der Kohleausstieg durch die früher endende Braunkohlegewinnung so gestaltet werden, dass "weder im Tagebau Garzweiler II weitere Ortschaften, noch der aus naturschutzrechtlichen Gründen erhaltenswerte Wald im Tagebau Hambach weichen müssen."

Die Deutsche Welle bat auch die Landesregierung von NRW und den Kohlekonzern RWE um eine Stellungnahme zur Position des Sachverständigenrats. Die Landesregierung will sich zum verbleibenden CO2-Budget für die Kohlekraft konkret nicht äußern. Sie verweist darauf, dass die Kohlekomission das Budget nicht als einzelnen Aspekt, sondern mit Blick auf Strukturwandel und Arbeitsplatzeffekten diskutiert. Der Gesamtzusammenhang müsse deshalb berücksichtigt werden.

Der Energiekonzern RWE lehnt den vom Sachverständigenrat verwendeten Budgetansatz klar ab. Er "ist weder Grundlage der europäischen noch der deutschen Politik. Vielmehr hat die Bundesregierung einen derartigen Ansatz verworfen", antwortet Konzernsprecher Lothar Lambertz. 

Die aktuellen Planungen "zur weiteren Fortführung der Braunkohleverstromung" sehe RWE im Einklang mit den freiwilligen Minderungszusagen der EU Mitgliedstaaten im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens. Nach Berechnungen von Klimaforschern und laut UN-Klimareport wird sich die Erdtemperatur durch die freiwilligen Minderungszusagen aber um mindestens drei Grad erhöhen.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Tiefe Betroffenheit

Der Journalist Steffen Meyn kam im Hambacher Wald bei der Arbeit ums Leben. "Nachdem die Presse in den letzten Tagen oft in ihrer Arbeit eingeschränkt wurde, bin ich nun in 25 Metern Höhe, um die Räumungsarbeiten zu dokumentieren", twittert er am Tag vor seinem Tod. Am nächsten Tag stürzt Heyn (27) von einer Brücke zwischen den Baumhäusern ab. Ein Brett gab nach, er wollte sich gerade absichern.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Räumung in riskanter Höhe

Am 13. September begann die Räumung des Waldes durch die Polizei. Klimaschützer hatten in den letzten sechs Jahren rund 60 Baumhäuser gebaut und sich so gegen die Rodung des alten Waldes gewehrt. Der Energiekonzern RWE will hier weiter Braunkohle fördern und wird von der NRW-Landesregierung unterstützt. Begründet wurde die Räumung mit fehlenden Brandschutzvorschriften in den Baumhäusern.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Ein Leben für das Ende von Braunkohle

Die Klimaaktivisten sind jung. Clumsy ist einer von ihnen und lebt seit fünf Jahren im Hambacher Wald. Vor ein paar Tagen wurde dieses Baumhaus von der Polizei zerstört. Clumsy fordert Verantwortung für nachfolgende Generationen und sieht sich in der Tradition von anderen Menschrechtsbewegungen. Sein gewaltfreier Widerstand wurde auch vom verunglückten Journalisten dokumentiert.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Kein Rodungstopp trotz aller Appelle

Die Räumung der Aktivisten aus den Baumhäusern ist riskant, aufwendig und dauert Stunden. Die Bewohner ketten sich an, spezielle Kletterer der Polizei versuchen in der Höhe den Widerstand zu brechen - für alle Beteiligten eine sehr gefährliche Situation. Doch trotz allen Warnungen vor den Gefahren halten NRW-Landesregierung und der Energiekonzern RWE an der Rodung fest.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Absurder Einsatz?

Die Polizisten machen ihren Job, räumen die Baumhäuser, führen die Waldbewohner ab. Auch viele Polizisten halten den aufwendigen und gefährlichen Einsatz für überflüssig, da eine Kohlekommission im Auftrag der Bundesregierung eingesetzt wurde. Diese soll bis Dezember einen Plan für den Kohleausstieg vorlegen. Es ist deshalb gut möglich, dass die Braunkohle unter dem Wald nie gefördert werden wird.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Der Widerstand wächst

Rund 100 bis 200 junge Menschen leben derzeit im Hambacher Wald oder in dem angrenzenden Camp. Kleine Dörfer mit Baumhäusern sind in den vergangen Jahren entstanden. Bisher wurden 39 Häuser laut Polizeiangaben zerstört. Die Bewohner werden festgenommen und müssen mit Anklagen rechnen. Bei den sonntäglichen Waldführungen machen sich viele Menschen ein Bild über die aktuelle Situation.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Massenprotest gegen RWE

Die ersten Baumhäuser wurden am Donnerstag (13.9.) zerstört, drei Tage später wird der Sonntagsspaziergang zum Massenprotest. Mehr als 6000 Bürger zeigen sich solidarisch mit den Waldbewohnern. Sie fordern ein Innehalten von RWE und der NRW-Landesregierung, eine Eskalation des Konflikts müsse vermieden werden. Bis die Kohlekommission im Dezember ihren Plan vorlegt dürfe keine Rodung erfolgen.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Kohle oder Zukunft

Für die Demonstranten ist der Konflikt klar: RWE will aus Profitgründen noch möglichst lange weiter Braunkohle verstromen, zeigt sich trotz Klimawandel unnachgiebig und wird dabei von der NRW Landesregierung unter Ministerpräsident Laschet (CDU) unterstützt. Auch Familien sind unter den Demonstranten und werben für eine klimafreundliche Zukunft.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Spielt RWE mit falschen Zahlen?

Die Abbaukante am Tagebau Hambach. RWE behauptet, dass die Rodung dieses alten Waldes jetzt im Oktober unumgänglich sei, da sonst bereits kurzfristig die Versorgung der Kraftwerke mit Braunkohle gefährdet sei. Laut DW-Recherchen stimmt die Behauptung jedoch nicht und ohne Rodung gäbe es noch genügend Kohle für mindestens drei Jahre.

Trauer um Tod im Hambacher Wald

Unklare legale Situation

Braunkohleexperte Dirk Jansen (BUND) erklärt Mitgliedern der Kohlekommission die Lage vor Ort. Nach Auffassung des Umweltverbandes verstößt die Rodung gegen geltendes Recht. Auch die zuständigen Aufsichtsbehörden in NRW hätten versagt. Neue Klagen wurden deshalb eingereicht. Möglicherweise wird in den nächsten Wochen deshalb die Justiz entscheiden, ob der Wald noch gerodet werden darf.

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