Kohleausstieg: Wenn die Heimat auf dem Spiel steht

In deutschen Braunkohlegebieten werden viele Dörfer geräumt und Bürger umgesiedelt. Für die Kohle – und oftmals gegen den Willen der Bewohner. Die hoffen auf einen rechtzeitigen Kohleausstieg. Ein Stimmungsbild.

"Viele Leute sterben hier vor Kummer", sagt Helmut Kehrmann sichtlich bewegt. Kummer, weil sie ihre Heimat verlassen müssen. Kehrmann wohnt in Keyenberg. Der Ort hat rund 800 Einwohner, wurde erstmalig 893 urkundlich erwähnt und soll laut RWE noch für die Braunkohlegewinnung geopfert werden. Bis Ende 2026 müssten dafür alle Bewohner ihre Häuser verkauft und verlassen haben.

Natur und Umwelt | 15.10.2018

"Ich will nicht mehr"

Besonders hart betroffen sind vor allem die älteren Bürger. "Mein Nachbar war innerhalb weniger Wochen sieben Mal auf Beerdigungen." Normal, sei das nicht mehr, so Kehrmann. "Aber viele der älteren Leute sagen: Ich will das nicht mehr."

Deutschland Keyenberg am Tagebau Garzweiler | Hilde & Helmut Kehrmann

Hilde und Helmut Kehrmann bei einem Gottesdienst für Klimagerechtigkeit im Hambacher Wald

Es ist die Seele, die Psyche, die oft nicht mehr Stand hält oder nicht mehr standhalten will. Der Schmerz über die erzwungene Umsiedlung, den Verlust von Heimat und Haus, die zerstörte Nachbarschaft und auch die materielle Existenz. "Es trifft vor allem auch die Menschen, die schon seit Generationen hier Höfe besitzen. Die wissen nicht, wie es weitergehen soll", sagt Monika Krüger, die ebenfalls in Keyenberg zuhause ist. 

Verlorene Existenz

Aber auch die Jüngeren leiden unter der Umsiedlung. In den Geschäften bleiben die Kunden aus, weil umliegende Dörfer abgebaggert werden. Die Existenzgrundlage geht verloren. "Die zwei kleinen Supermärkte gibt es hier nicht mehr, weil es sich nicht mehr rentiert. Und der Wirt sitzt abends ohne Gäste da", erzählt Krüger. "Ist das nicht schlimm?"

Natur und Umwelt | 02.11.2018

Die Folge seien oft Krankheit und Depressionen – so auch das Schicksal eines ihr gut bekannten Versicherungsvertreters aus dem inzwischen zerstörten Nachbarort Immerath: "Er ist so krank geworden, dass er keine Ruhe mehr gefunden hat und nachts durch die Straßen gelaufen ist vor Sorge." Denn mit den Umsiedlungen seien ihm auch die Kunden weg geblieben. 

Deutschland Braunkohle - Monika Krüger aus Keyenberg

Monika Krüger fühlt sich wohl in Keyenberg und möchte ihr Dorf nicht verlassen

Hambacher Wald: "Jede Unterstützung verdient"

Monika Krüger, Hilde und Helmut Kehrmann zeigen sich solidarisch mit der Protestbewegung im Hambacher Wald. Durch die jungen Klimaaktivisten gäbe es mehr Hoffnung, mehr Berichte über die Folgen des Braunkohletagebaus – auch über die Vertreibung aus den Dörfern und das damit verbundene Leid. 

"Ich finde das hier grundsätzlich gut. Eigentlich müssten die Bewohner von ganz Keyenberg hier auf den Bäumen sitzen und nicht die jungen Leute", sagt Hilde Kehrmann nach einem Gottesdienstbesuch für Klimagerechtigkeit im Hambacher Wald. "Die jungen Leute haben jede Unterstützung verdient. Sie wissen, dass wir die Erde brauchen. Wenn wir so weiter machen, können unsere Enkel nicht mehr auf dieser Welt leben. Braunkohle ist einfach nicht mehr erforderlich."

Mehr dazu: Braunkohle wird immer weniger gebraucht

Deutschland Protest Keyenberg am Tagebau Garzweiler | Familie Winzen

Romy, Norbert und Monika Winzen wollen keine Zerstörung von Heimat und Hof

Letzte Chance

"Wir leben hier mit einer Großfamilie – drei Generationen, elf Personen – in einem denkmalgeschützten Hof von 1863. Das ist ein besonderer Ort, über Generationen aufgebaut", sagt Norbert Winzen aus Keyenberg.

Wenn seine Familie das Anwesen mit rund 8000 Quadratmetern jetzt für den anrückenden Tagebau verkaufen muss, "dann können wir so nicht mehr weiter leben. Wir müssten uns als Großfamilie aufsplitten. Wir werden nicht die Chance haben, einen solch großen Ort aus alten Gemäuern neu aufzubauen, dafür reicht die Entschädigung und unser finanzielles Vermögen nicht".

Themenseiten

Die Winzens hoffen und setzen auf den zügigen Kohleausstieg. Wird dieser jetzt beschlossen und umgesetzt, dann bestünde eine gute Möglichkeit Hof und Keyenberg zu retten. 

Infografik Karte Garzweiler DE

Trotz Kohleausstieg? RWE will Häuser in Keyenberg, Ober- und Unterwestricht , Kuckum und Beverath schnell aufkaufen.

Unnötiger Druck von RWE

Man sollte meinen, RWE kenne das Pariser Klimaabkommen und wüsste damit, dass der Kohleausstieg notwendig ist. Nicht zuletzte sollte sich das Energieunternehmen auch über die Folgen von Zwangsumsiedlungen bewusst sein. 

Doch anstatt den Bewohnern etwas Ruhe zu gönnen und die Pläne der Kohlekommission bis Dezember abzuwarten, "erhöht RWE massiv den Druck in den Verhandlungen mit den von Umsiedlungen betroffenen Menschen und drängt auf kurzfristige Entscheidungen", meint Winzen. "Unser Dorf soll anscheinend rasend schnell vereinnahmt und für die Bewohner unattraktiv gemacht werden. Dabei ist klar, dass die Braunkohle nicht wie im geplanten Umfang weiter gefördert werden wird." Für die Bürger sei dies alles nicht mehr nachvollziehbar.  

Deutsche Welle Anfragen nach den Gründen für diese Verhalten beantwortete RWE bis dato nicht. Auch die Nachfrage, ob das Unternehmen mit den erworbenen Immobilien und Flächen nach dem Ende der Tagebaue noch andere Interessen verfolgen könnte, blieb ohne Reaktion.

Berlin Kohlekommission | Wodtke & Hausner & Grothus

Zwangsenteignungen: Hannelore Wodtke, Jens Hausner und Antje Grothus berichten darüber in der Kohlekommission.

Antje Grothus ist Vertreterin der vom Tagebau betroffenen Anwohner in der Kohlekommission. Sie findet das Bedrängen der Bewohner durch RWE vollkommen unnötig. "Menschen jetzt noch aus ihrer Heimat zu vertreiben ist nicht in Ordnung und nicht redlich. Derzeit weiß keiner, ob die Kohle unter den Dörfern überhaupt jemals noch gefördert wird", so Grothus gegenüber der DW.

Würde die Vertreibung und Enteignung auf Grundlage des Bergrechts weiter betrieben – aber auch andere finanzielle Interessen von RWE verfolgt – so wäre dies für Grothus "ein Skandal". Die Menschen vor Ort "haben davor große Angst", sagt sie.

Sollten die von RWE bereits erworbenen Häuser und Flächen nicht mehr für den Tagebau gebraucht werden, gibt es für die Betroffenen bisher kein Recht, diese wieder zurückzubekommen. Die Rechte der vom Bergbau Betroffenen müssen deshalb "unbedingt besser geschützt werden", findet Grothus. Doch bisher seien die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und die Bundesregierung nicht aktiv geworden.

Natur und Umwelt

Keine Gnade für den "Dom"

Der Energiekonzern RWE Power beginnt mit dem Abriss des sogenannten Immerather Doms. Die neuromanische Basilika und das Dorf Immerath werden abgerissen, um darunter die Braunkohle zu fördern.

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Ein letzter Blick

Immerath liegt im größten Braunkohletagebau-Revier von Europa westlich von Köln. Der Energiekonzern RWE Power setzt weiter auf die Braunkohleverstromung. Dörfer müssen deshalb dem Tagebau weichen. Die Menschen aus Immerath müssen umsiedeln und ihre Häuser verlassen. 

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Auch der Friedhof muss weichen

Einst lebten in Immenrath mehr als 1200 Menschen. Die meisten haben das Dorf bereits verlassen, viele Häuser wurden bereits abgerissen. Der Blick vom Friedhof auf die Pfarrkirche war deshalb schon frei. Nur noch drei Familien leben jetzt im Dorf. Auch alle sterblichen Überreste der Dorfbewohner müssen "umgesiedelt" werden.

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Protest gegen den Abriss

Der Widerstand gegen die Dorfzerstörung und Umsiedlung ist alt. Viele Bürger haben sich der Übermacht gefügt. Mit einem ökumenisch-politischen Gebet wollen aber die Vertreter der großen Kirchen einen Tag vor dem Abriss noch ein Zeichen setzen: Gegen die weitere Heimat- und Umweltzerstörung. Noch einige Dörfer stehen auf der Abriss-Liste.

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Und wofür das alles?

Einen schnellen Kohleausstieg halten Wissenschaftler und Umweltschützer für unvermeidbar. Sonst könne Deutschland seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen nicht erfüllen. Es gebe Überkapazitäten im Strommarkt und die Stromversorgung könne auch dann abgesichert sein, wenn Deutschland aus der Braunkohle aussteige - sagen die Klimaschützer.

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Die letzten Verteidiger

Aktivisten von Greenpeace besetzen deshalb kurz vor dem Abriss die Basilika und forderten, sie zumindest so lange stehen zu lassen, bis die neue Regierung über den Kurs des Kohleausstiegs entschieden hat. RWE - der Betreiber des Tagebaus - lehnt diese Forderung ab, lässt die Besetzer polizeilich räumen und die Bagger anrollen.

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Der kulturelle Mittelpunkt des Ortes

Die neuromanische Basilika wurde 1891 fertiggestellt und war 122 Jahre der Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft. Hier wurden wichtige Stationen des Lebens bedacht, Famlienfeste, Taufen, Kommunion, Hochzeit gefeiert und Abschied von den Angehörigen genommen. Beim letzten Gottesdienst 2013 flossen schon sehr viele Tränen.

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Trauer, Zorn und Wut

Pfarrer Günter Salentin steht vor inzwischen leeren Gräbern. "Unsere Herzen sind heute voll Wehmut und Trauer, vielleicht auch voll Zorn und Wut", sagte Salentin bei seiner letzten Predigt. "Aller Widerstand war angesichts der Übermacht von Politik, Wirtschaftsinteresse und Gewinnmaximierung von vornherein zum Scheitern verurteilt."

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Und die Politik reagiert nicht

Der Ruf zum Kohleaustieg wird weltweit immer stärker. Das Schicksal von Immerath ist besiegelt, obwohl der Abriss des Ortes vielleicht gar nicht nötig war. Die darunter liegende Kohle wird womöglich gar nicht mehr abgebaut - je nachdem wie die zukünftige Bundesregierung in der Frage der Kohle-Verstromung entscheidet.

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Reporter | 21.09.2018

"Hambi bleibt!" - Deutschland und die Kohle

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