Kommentar: Die "Kollateralschäden" des Genozids wirken bis heute

Der Völkermord in Ruanda ist inzwischen 25 Jahre her. Aber in der Region gibt es bis heute täglich neue Opfer - vor allem im Osten des Kongo. Und in Ruanda werden viele Tote bis heute ignoriert, meint Dirke Köpp.

Wer heute durch die ruandische Hauptstadt Kigali spaziert, sieht gut aufgeräumte Straßen, Wolkenkratzer, Business-Zentren, ein modernes Ambiente. Dieselben Straßen und das ganze Land säumten vor 25 Jahren Hunderttausende Leichen, es lag der Geruch von Verwesung in der Luft. Ein Viertel Jahrhundert ist es her, dass in Ruanda innerhalb weniger Wochen fast eine Million Menschen, die meisten von ihnen aus der Volksgruppe der Tutsi, aber auch Angehörige der Hutu-Mehrheit, massakriert wurden. Lange hat es gedauert, bis dieses Morden als Genozid qualifiziert wurde. Dann hieß es sogar: Nie wieder dürfe die Welt so wegschauen.

Politik | 06.04.2019

Und doch tut die Welt das jeden Tag. Nicht in Ruanda. Aber im Jemen, im Kongo, im Sahel, in Myanmar, im Südsudan. Es ist nicht immer das offensichtliche große Morden. Stattdessen viele tägliche Übergriffe, bei denen mal mehr, mal weniger Menschen getötet werden.

Waffenverkäufe an die Falschen

Aktuell gibt es Streit zwischen Deutschland, Frankreich und Großbritannien darüber, ob und wenn ja welche Waffen an Saudi-Arabien geliefert werden dürfen. Dabei müssten alle drei Länder wissen, was der Verkauf von Waffen an die Falschen anrichten kann: Erst kürzlich wurde bekannt, dass deutsche Waffensysteme im Jemen-Krieg eingesetzt werden, wo sie Unschuldige töten. Und, um auf Ruanda zurückzukommen: Frankreich lieferte bis kurz vor Beginn des Völkermordes von 1994 Waffen an das Regime in Kigali.

Dirke Köpp leitet die Redaktion Französisch für Afrika

Und anstatt 1994 mit der Militärintervention "Opération Turquoise" die Zivilbevölkerung in Ruanda zu schützen, ermöglichte das französische Militär den Rückzug der Mörder mitsamt ihren Waffen in den Kongo. Die Auswirkungen dessen spüren die Menschen im Kongo bis heute jeden Tag. Aber da es "tröpfchenweise" und weitab der Nachrichtenströme in kleinen Dörfern im Ostkongo geschieht, wird es missachtet.

In Zahlen: Der Genozid in Ruanda kostete 800.000 Menschen das Leben. Doch als Folge des Völkermordes starben seit 1994 Millionen Menschen im Osten des Kongo - und zwar bis zu dem Augenblick, in dem Sie diese Zeilen lesen.

Diese Toten sind so etwas wie die "Kollateralschäden" des ruandischen Genozids. So schrieb es kürzlich der neue kongolesische Präsident Félix Tshisekedi in das Goldene Buch des Genozid-Memorials in Ruandas Hauptstadt Kigali: "Die Kollateralschäden des Horrors haben mein Land nicht verschont, das den Verlust von Millionen Menschenleben ertragen musste." Es vergeht kaum ein Tag, an dem es im Ostkongo nicht zu Massakern und Überfällen durch bewaffnete Gruppen kommt. Allerdings liegen diese täglichen Toten weit unter dem Radar der Weltgemeinschaft, die in Afrika erst ab einer Zahl von ungefähr 100 Opfern reagiert.

Mit Repression gegen einen neuen Genozid

Immerhin könnte der Besuch Tshisekedis im Nachbarland Ruanda ein erster Schritt in Richtung Versöhnung zwischen den beiden Ländern sein, die sich seit mehr als 20 Jahren im Streit befinden. Immer ging es dabei um die Vorherrschaft in der Region und die Ressourcen im Kongo. Allerdings stellte sich Kagame dabei stets äußerst geschickt an: Seinen autoritären Regierungsstil - im Westen gern als "Entwicklungsdiktatur" bezeichnet -, der Kritik mit Gefängnis bestraft, stellt er als nötiges Übel dar, um einem neuen Genozid entgegenzuwirken: Nur so könne man der Völkermörder Herr werden.

Der Vorwurf, den Genozid kleinzureden, brachte zum Beispiel der Kagame-kritischen Oppositionspolitikerin Victoire Ingabire eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren ein. Letztes Jahr wurde sie mit Pomp und Trara von Kagame begnadigt. Als sie dann erneut den Präsidenten kritisierte, wurde ihr angedroht, sie könne auch wieder in Haft kommen, wenn sie sich nicht zurückhalte. Ausgerechnet diese Drohung war weder auf Englisch noch auf Französisch irgendwo zu lesen oder zu hören, sondern auf Kinyarwanda - und ging daher so an den meisten ausländischen Medien vorbei.

Der Staat Ruanda geht nicht mit gutem Beispiel voran

Die von Kagame hoch gelobte Versöhnung in Ruanda ist hinter den Fassaden noch nicht so weit gediehen, wie der Präsident es glauben machen möchte. Die ruandischen Ansätze für Versöhnung sind beeindruckend, vor allem die Bereitschaft der einfachen Menschen, den Mördern ihrer Eltern, Kinder und Geschwister zu verzeihen. Der Staat selbst aber geht nicht mit gutem Beispiel voran: So ist etwa in den offiziellen Verlautbarungen nur von einem Völkermord an den Tutsi die Rede. Vergessen werden dabei alle jene Hutu, die ums Leben gekommen sind, weil sie den verfolgten Tutsi gegen die Mörder aus den eigenen Reihen zur Hilfe eilten.

Das heißt nicht, dass in Ruanda bald wieder ein Völkermord geschehen könnte. Aber es zeigt, dass das Land selbst und die Region bis heute unter den Folgen leiden und der Weg zur Versöhnung noch nicht beendet ist.

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