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Weiter Weg zur Regionalmacht

Peter Wozny8. November 2003

Indien ist Nuklearmacht, hat eine boomende Wirtschaft und wird nach kurzer Eiszeit wieder von den USA als Partner umworben. Genügend Potenzial für die Vormacht in Asien?

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Indiens Premierminister Atal Bihari Vajpayee bei einem Besuch in ChinaBild: AP

In der Weltpolitik scheint an Indien kein Weg mehr vorbei zu gehen. Trotz der rigorosen Ablehnung des Irak-Krieges und der scharfen Kritik von Premierminister Atal Behari Vajpayee an US-Präsident Bush, strafen die USA Indien nicht mit Mißachtung, sondern buhlen weiter um seine Gunst. Zu wichtig ist die geostrategische Lage im Herzen Asiens, zu groß das wirtschaftliche Potential.

Auch die Bemühungen Indiens, seine weltpolitische Stellung auszubauen und sich den Entwicklungen der Globalisierung anzupassen, sind unverkennbar: Bilaterale Abkommen mit zahlreichen Staaten, deutliche Einmischung in internationale Fragen und ein Wirtschaftsboom, der sich vor allem auf verbesseren Export zurückführen läßt.

Hindernis: Das Erbe Ghandis

Doch der Weg zur Regionalmacht in Asien ist noch weit, glaubt Peter Lehr, Indien-Experte am Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Bei allen Bemühungen werde das Ziel der Regionalmacht in Asien zu inkonsequent verfolgt.

Der wirtschaftliche Erfolg allein reiche nämlich noch nicht aus. Außerdem sei er trotz eines Wachstums von 5 Prozent derzeit noch zu instabil. Wichtig sei es auch, sich militärisch stark zu präsentieren und auch auf diesem Feld die anderen Staaten der Region zu übertrumpfen, erklärt Lehr.

Und genau das könne Indien trotz Atomraketen und der drittgrößten Streitmacht der Welt nicht. Ein wesentliches Hindernis dabei: Das Erbe von Mahatma Ghandi.

Es fehlt der politische Wille

Das Prinzip der Gewaltlosigkeit sei trotz des Kashmir-Konfliktes und dem Streben der BJP-Koalitionsregierung, ein "starkes Indien" zu formen, zu tief verankert. Indien besitzt zwei Millionen Soldaten und ist Nuklearmacht. "Doch es mangelt am politischen Willen, diese Stärke umzusetzen", so Lehr.

"Es wurde im Hinblick auf Ghandis Prinzipien der Gewaltlosigkeit auf wesentliche geostrategische Planungen verzichtet." Indien sei nicht in der Lage einen Krieg gegen Pakistan und China zu führen. Auch auf einen Seekrieg im Indischen Ozean oder eine Intervention auf den Inselstaaten sei Indien nicht vorbereitet.

An China führt kein Weg vorbei

Bleibt der gewaltlose Weg, auf dem sich die größte Demokratie der Welt traditionell allen anderen Mächten überlegen glaubt. Doch bei allen diplomatischen Bemühungen und allen wirtschaftlichen Kooperationen werde Indien am Einfluss des großen Konkurrenten China nicht vorbei kommen.

"Indien muß seine Beziehungen zu China weiter verbessern, um eine chinesische Anerkennung der indischen Hegemonie im südlichen Asien zu erreichen", erklärt Peter Lehr.

Tatsächlich bewegen sich Indien und China nach jahrzehntelangen Spannungen seit 2002 aufeinander zu. Premierminister Vajpayee unterzeichnete erst im Sommer eine Erklärung, in der Indien die Zugehörigkeit Tibets zu China anerkennt. Im Gegenzug öffnete China die gemeinsame Grenze zum nordindischen Bundesstaat Sikkim.

Vajpayee will sich nicht vereinnahmen lassen

Auch der Kashmir-Konflikt gilt als Hindernis auf dem Weg Indiens zur regionalen Vormacht: "Wichtig wäre eine dauerhafte Verbesserung der Beziehungen zu den USA. Damit könnte man Pakistan diesen Verbündeten nehmen und entscheidend schwächen", erklärt Lehr.

Es sei nicht ganz unproblematisch, verkündete Vajpayee noch im Sommer, sich nicht von den USA für jeden Krieg in der Region vereinnahmen zu lassen. Der Weg zur regionalen Vormacht in Asien scheint für Indien noch sehr weit zu sein.